Carlsen 2009
Carlsen 2009

Siobhan Dowd – Anfang und Ende allen Kummers ist dieser Ort

 

Schönheit, Seele und Krieg

 

Nordirland mit all seiner Schönheit, Tiefe, aber auch mit der unsäglichen Gewalt, dem Hass bildet die Blaupause für diesen Jugendroman der bereits verstorbenen Schriftstellerin Siobhan Dowd. Ein Roman voller Schönheit, in der es die Autorin treffend versteht, die mythische, magische Seele und Landschaft Irlands im Buch mitschwingen zu lassen.

 

Eine Geschichte, die zunächst durchaus wie ein Thriller oder Kriminalroman beginnt, denn Fergus, der jugendliche Protagonist der Geschichte, findet zunächst eine Leiche im Moor.

Doch kein aktueller Mord liegt hier vor, die Leiche ist alt und, wie es im Moor vonstatten geht, durch das Moor selbst bestens erhalten. Wer aber war diese junge, tote Frau? Was ist ihre Geschichte? Fragen, die Fergus beschäftigen und denen er durchaus näher kommen kann, denn eine Wissenschaftlerin beginnt mit der Untersuchung der Moorleiche. Zum Glück geling es Fergus, die Frau im Gästezimmer seiner Eltern einzuquartieren, so dass er hautnah an den Ergebnissen der Untersuchungen teilhaben kann. Durchaus auch mit anderen Hintergedanken, denn die Wissenschaftlerin hat ihre Tochter mitgenommen, die für Fergus durchaus von hohem Interesse ist.

 

Daneben aber entfaltet sich aber nicht nur eine romantische Geschichte oder ein historischer Abriß über das Leben der nun toten Moorleiche, sondern in lebhaftem und mitnehmendem Stil schildert Dows ebenso die andere, hässliche Seite Irlands. Die Feindschaft, den Hass, die Gewalt, den Kampf gegen die britische Oberherrschaft. Fergus Bruder Joe befindet sich neuerdings im unbefristeten Hungerstreik, ein letztes Mittel der eigenen Ohnmacht den Verhältnissen gegenüber. Inmitten dieser harten, in weiten Teilen auch blutigen,  Auseinandersetzungen entfaltet sich die Romanze zwischen Fergus und Cora, der Tochter der Wissenschaftlerin und Fergus wird in all dem neue Erfahrungen auch über feindliche Grenzen hinaus zu verarbeiten haben.

 

Feindliche Haltungen, konsequentes Beharren auf dem eigenen Standpunkt, eine manifestierte Gewalt dem jeweiligen Gegner gegenüber, dass ist der Alltag im Irland der 80er Jahre. Dowd gelingt es einfühlsam zu beschreiben, wie dieser nie offiziell erklärte Krieg die Menschen immer wieder aufs Neue zerreißt und in Mitleidenschaft zieht und lässt diesen gewaltsamen Zustand in einem intensiven Kontrast zur Schönheit des Landes und der Sehnsucht nach Frieden erscheinen. Hervorragend auch sprachlich gelingt es der Autrorin, diese existentiellen Grundfragen Irlands an einer handvoll konkreter Personen aufzuzeigen und in ihren Folgen nachzuvollziehen. Um all dies zu verarbeiten wird die Geschichte des Mädchens aus dem Moor, die Dowd wie nebenbei im Buch einfließen lässt, für Fergus von immer höherer Bedeutung.

 

Siobhan Dowd hat ein nachwirkendes, eindrucksvolles Buch über menschliche Zerrissenheit und die innere Sehnsucht nach Frieden geschrieben, dass den Leser mittels der Figuren mit in diese Welt der starren Fronten hinein nimmt und in der Entwicklung des Fergus Wege aufzeigt, zumindest mit sich selbst seinen Frieden immer wieder neu zu finden. Ein sehr empfehlenswertes Buch, nicht nur für junge Leser.

 

M.Lehmann-Pape 2011