Knaus 2011
Knaus 2011

Sophie Albers - Wunderland

 

Wissen, wer man ist

 

„Hanna, Du hast Dich verändert“. So reagieren Kollegen bei der Zeitung der fiktiven Ich-Erzählerin des Romans von Sophie Albers. Fiktiv zwar, aber sicherlich mit vielfachen eigenen Erfahrungen der Journalistin Sophie Albers angereichert ist diese Figur der Hanna.

 

Und verändert hat sie sich nicht aus unnennbaren Gründen, sondern im Rahmen einer Reportage über die Welt der Migranten, der Parallelwelt in Berlin-Neukölln. Genauer ist es ein junger Mann, zu dem sie langsam Kontakt aufnimmt. Tamer al Mansis. Muslimischer Palästinenser, Araber vom Aussehen und inneren Gefühl her, auch wenn er in Deutschland geboren wurde und letztlich weitaus mehr Deutscher als Araber sein sollte.

 

Tamer, de Mann der klaren Urteile, der klaren Haltungen, der klaren Weltsicht. Eine Sicht, in der die Wahlfamilie das Zentrum ist, in der Menschen, die ihm nicht gerade in die Augen schauen können, per se als „Opfer“ gelten, eine Welt, die Sophie Albers dergestalt darstellt, dass tatsächlich jedes nur gängige Klischee (bis auf die gebrochene Sprache, denn die Protagonisten des Buches sprechen ein einwandfreies Deutsch) bedient wird. Wohl, weil es dieser Welt einfach auch entspricht. Das aber hat Gründe. Und eine Faszination.

 

Im knappen Stil sich fortsetzender Reportagen wendet sich Albers in Person ihrer Hanna vielfachen Themen zu und immer prallt sie auf die klare, im Inneren fundierte Welt und Haltung Tamers. Tamer, von dem bereits zu Anfang des Buches an klar ist, dass er sich mit seinem brandneuen BMW (noch so ein Klischee) zu Tode gefahren hat. Themen und eine Weltsicht, die einerseits ganz einfach sich darstellen, die aber für Hanna (und in ihrer Person für jeden Westeuropäer moderner Prägung), schwer zu verdauen sind. Eine Mann, der zulässt, dass eine Frau selber bezahlt? Schwul, fertig. Tamer, für den Autofahren immer mit Geschwindigkeit zu tun, egal wo. Tamer, für den umgängliche Freundlichkeit nicht akzeptabel ist. Schwäche, fertig. Tamer, der aber keine Schwierigkeit damit hat, dass sein bester Freund Christ ist und dass Hanna sich als Jüdin outet. Tamer also, der ein festes, sicheres Auftreten besitzt, aber ebenso sicher zu unterschieden weiß zwischen Haltung und unsinniger religiöser Dogmatik, der Feindbilder im anonymen pflegt, aber nicht im Konkreten.

 

Jener Tamer, in dessen Welt sich Hanna verfängt. Neben der ungeschminkten, in einfachen Sätzen dargestellten Welt Tamers ist dies das eigentliche hintergründige Thema des Buches. Denn Hanna hat sich verändert. Vor allem, weil sie feststellen muss, wie sehr und mannigfaltig in ihr alles schwankend und unklar ist. Tamer weiß, wer er ist, woher er kommt, wem und was er sich verbunden fühlt und sieht die Welt aus seiner Warte in klaren Konturen, nicht verwaschen, wie Hanna die Welt und sich selbst sieht. Hannas „Vielleicht“ ist für Tamer unerträglich und im Lauf der Seiten wird Hanna ihr „Vielleicht“, diese Welt des Vagen und unentschlossenen, selbst bald unerträglich.

 

Eine Faszination und beginnende innere Anfragen, die Albers hervorragend versteht, auch im Leser zu erwecken. Wie kann man, auch in der öffentlichen Diskussion, erwarten, dass sich „die anderen“ anpassen, wenn man selber gar nicht genau bestimmen könnte, wer und was man ist, woran denn überhaupt angepasst werden sollte? Tamers Welt mag (und ist) vorsintflutlich und archaisch aufgebaut sein, aber sie ist klar, eindeutig und in einen Sicherheit gebenden, größeren Zusammenhalt eingebettet. Und Hannas Welt? Familie reduziert sich auf die entfernten Eltern, Freunde sind wenige an der Zahl, Kollegen gehen ihre ganz eigenen Wege. Wird so nicht verständlich, warum einer wie Tamer so wenig Respekt vor dieser vagen, unentschlossenen Welt der reduzierten Individualisten empfinden kann, die ihm keine Klarheit und Entschiedenheit entgegen zu setzen vermag? Mithin nichts an Orientierung geben kann?

 

Sophie Albers ist ein kluges, in Teilen innerlich verstörendes Buch gelungen, dass weit über aktuelle Plattitüden und oberflächliche Migrationsdiskussionen hinausgeht. Sie versteht es intensiv, die Betrachtung der Migranten („Ich weiß, wer Du bist...“) auf die eigene Welt zu lenken („...aber wer bin ich?“). Ein spannendes Thema, keine Frage.

 

M.Lehmann-Pape 2011

Sophie Albers

 

 1970 in Hamburg geboren. Sie hat Film, Geschichte und Literatur studiert und danach als Journalistin bei verschiedenen Magazinen gearbeitet.