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Sorj Chalandon – Die vierte Wand

 

Gewalt und Krieg zerstören Seelen (und Körper)

 

„Ich mache mir selbst Angst. Ich weiß, dass in mit noch anderes fließt als Blut und Tränenflüssigkeit. Ich trage die Wut in mir“.

 

So sieht es aus in den politisch Aktiven Anfang der 80er Jahre. Die in Griechenland und in Spanien gegen Diktaturen angehen, die mit nicht mehr mit Ohnmacht den endlosen Krieg im nahen Osten hinnehmen wollen.

 

Und Samuel Akounis ist ihr persönlicher Held. Ein abgeklärter Aktivist. Einer, der dahin gegangen ist in seiner Heimat Griechenland. Einer, der bedächtig die Heißsporne unter den jungen Leuten in Paris versucht, in wirksamere Bahnen zu lenken.

 

„Jetzt saß ich vor diesem Griechen und lauschte ihm andächtig. Und ich schämte mich meiner heimlichen Bilder. Beim Einschlafen fordere ich die Geschichte immer mit Fäusten heraus“.

Einer, der 1967 seinen Ausweis im Protest gegen Vietnam verbrannte, der 1969 im katholischen Belfast auf den Barrikaden stand, 1973 in die griechischen Aufstände involviert war.

 

Einer, der als Reporter mitten drin ist und der nun der Bitte seines verehrten Mentors entspricht.

 

In Beirut, an der Front, ein Theaterstück zu inszenieren, die „Antigone“ mit einem Ensemble, dass sich aus allen verfehdeten, verfeindeten, einander bekriegenden Parteien zusammensetzen soll.

 

„Kunst gegen Krieg“, so könnte man zu Beginn des Romans meinen und dass hier einen tränenlastige „Versöhnung“ zentrales Thema ist, die dann bei der Aufführung auch den harten Kriegsknechten die Sprache verschlägt.

 

Solch ausgetretenen Pfaden aber folgt Chalandon in keiner Form. Schritt für Schritt führt er den Leser in in das seelische Grauen des Krieges, die Verluste, die ständige Anspannung, den beginnenden Zynismus, in diese alte Erkenntnis, dass es eben wahr und gelogen, richtig und falsch gerade in Nahen Osten nicht gibt. Dass jede Seite ihre verständliche Haltung besitzt, dass Terror und Brutalität Ursachen haben. Und das alles die Unbeteiligten vor Ort nicht spurlos treffen wird.

 

Staat Happy End herrscht teils rohe Gewalt. Statt innerer Einsicht durch die Kunst des Theaters folgt Bedrängung und Bedrohung. Statt innerer Übereinstimmung mit sich durch solch „gute Taten für die „richtige“ Seite“ entwickelt sich innere Zerrissenheit und seelische Pein, die dann das private und zivile Leben genauso in Mitleidenschaft ziehen werden, wie es die Bedrohung durch Kugeln und Kampf „an der Front“ täglich vollzogen haben.

 

Gespiegelt an der auch inneren Arbeit der Künstler an „Antigone“ entstehen starke Metaphern, betragen durch die eindringliche und bildkräftige Sprache Chalandons, der Seite für Seite den Leser mehr darin einfängt, wie wenig klare Grenzen, ein klares schwarz-weiß, ein richtig und falsch im Zusammenleben wirklich greifen.

 

„Ich hatte mich zum Helden geträumt“. Und davon wird am Ende des Buches nicht viel übrig bleiben. Außer dem alles und alle gleichmachenden Tod.

 

Bis dahin aber ist es ein überaus lesenswerter Weg innerer Erkenntnisse und äußerer Geschehnisse, den Chalandon seinen Lesern bietet.


M.Lehmann-Pape 2015