Klett-Cotta 2015
Klett-Cotta 2015

Steffen Kopetzky – Risiko

 

Breit und fundiert angelegter literarischer Abenteuerroman

 

„Durch das Land der Skipetaren (das „Volk der Adler)“, „Durch das wilde Kurdistan“ und durch manche andere Orte mehr hat Karl May zu Zeiten mit seiner blühenden Fantasie den Leser geführt und Abenteuerromane geschrieben, die weitgehend seiner Vorstellungskraft entstanden.

 

Steffen Kopetzky verlässt sich in seinem umfassenden Roman nun keineswegs auf seine Fantasie (auch wenn das Werk Karl Mays in diesem Buch schon seine gewichtige Rolle spielen wird), sondern führt detailliert und fundierte historische Fakten vom Beginn des ersten Weltkrieges an (den seine Protagonisten in einer elektrizitätslosen albanischen Hafenstadt an Bord des schnellen, kleinen Kriegsschiffes „Breslau“ zunächst erleben) immer erkennbar im Hintergrund der Ereignisse um die Hauptperson des Romans, Sebastian Stichnonte an.

 

Intensiv lässt Kopetzky so nicht nur die Ereignisse der massiv unterlegenen deutschen Marine vor den Augen des Lesers Revue passieren, sondern schafft mit seinem bildkräftigen Ausdruck (wie in den Werken Karl Mays oder im „Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad) äußerst lebendig eine Atmosphäre vergangener Zeiten. Vor dem bunten, farbenreichen, staubigen, luxeriösen orientalischem Leben, in dem Stichnote später eine tragende Rolle spielen wird, hineingezogen werden wird in die politischen Ränkeschmiede jener Zeit am „Ende der Welt“.

 

Dabei führt Kopetzky souverän und mit Tiefe in seine Figuren ein.

 

Den damals einzigen bürgerlichen Offizier der Flotte, Dönitz, führt er dabei ebenso sorgfältig aus, wie seine Hauptperson, wie die Nebenfiguren, die Stimmung an Bord, den Zauber geheimer Liebestreffen, die Bewahrung von Lucien Camus vor einschlagenden Schiffsgranaten (und damit die Rettung des Vaters von Albert Camus), wie viele andere Figuren der orientalischen Welt jener Tage in diesem überbordend figurenbetonten Roman im Gesamten.

 

Der Tod ist dabei ein durchaus naher Begleiter, was Kopetzky nicht daran hindert, auch die Hintergründe früh versterbender Romanfiguren ebenso differenziert zu beschreiben, wie die Trauer um Freunde, die kaum Platz in den sich überschlagenden Ereignissen findet.

 

Ereignisse, die gerade von Dönitz in seinem „großen Spiel“ abgebildet werden, Ein strategisches Würfelspiel, mit dem der junge Leutnant händeringend versucht, spielerische Wege für einen doch möglichen Sieg seiner Nation zu finden und wieder und wieder an der Aufgabe scheitert.

 

Was er bei seinen strategischen Überlegungen im „großen Spiel“ noch aber gar nicht mit einrechnet, ist der „Dschihad“, der am Horizont heraufzieht. Gehen die „großen Mächte“ natürlich einfach davon aus, dass sie nur untereinander um die Gunst einer Verbündung mit orientalischen Völkern zur ringen haben, entsteht dort eine „gesteuerte“ Bewegung gegen den Imperialismus, geschürt von vor allem deutscher Propaganda, bis eine immer unübersichtlichere Situation entsteht.

 

Die politischen Versuche Berlins, im Orient nachhaltig Fuß zu fassen, bilden dabei den Hintergrund dieses historischen Romans. Der aber viel mehr beinhaltet, als nur eine abenteuerliche, eher unfreiwillige Expedition in den Orient.

 

Botschaften hinter Botschaften sind zu finden im Buch, immer wieder wird auch Literaturgeschichte vorkommen, wird Stichnote sich mit „Klassikern“ beschäftigen und seine Leidenschaft und sein Talent der neuen Technik des „Funkens“ eigene , hintergründige, versteckte Botschaften hinzufügen.

 

Atmosphärisch dicht, überzeugend die Figuren auslotend, historisch fundiert in den Fakten des Buches, bildkräftig und emotional, wo es darauf ankommt. Sprachlich, inhaltlich, von der Verarbeitung der historischen Ereignisse und von der Betrachtung des „künstlich entfachten Dschihad“ schon zu einer solch frühen Zeit der modernen Geschichte her eine umfassend zu empfehlende Lektüre.

 

Eine Lektüre, in der die Intrigen des politischen Handelns (bis hin zum „Flaggenwechsel gegen alle Konventionen“), das orientalische Leben, ferne Länder (Afghanistan) und ein „großes Spiel“ zu einem organisch Ganzen verschmolzen werden. In ruhigem, langsamen Tempo, das zunächst ein wenig ungeduldig werden lässt, den Leser dann aber in den Bann zu ziehen versteht.


M.Lehmann-Pape 2015