Piper 2012
Piper 2012

Sten Nadolny – Weitlings Sommer Frische

 

Ein sprachlicher Genuss

 

Es ist bei jedem neuen Buch Nadolnys immer wieder ein Genuss, allein schon die ersten Zeilen zu lesen und sich wieder hinein zu versetzen in diese ruhige, breite Sprache, diese hohe Qualität, mit der Nadolny detailreich und in Teilen kleinteilig Orte, Situationen, Personen, Erlebnisse beschreibt und sich dennoch nie in der Breite der Darstellung oder der „nur“ in der Schönheit der Worte verliert. Wenige andere Autoren verstehen es wie Nadolny, ihren Personen in so ruhiger Art Leben einzuhauchen. Und dies zudem mit durchweg bildkräftigen Beschreibungen des „Drumherums“.

 

„Hellhörig war das Haus wie eine Fregatte bei Flaute, und im Sturm ächze und knarrte es zu Gotterbarmen“.

 

Jenes alte Haus, in dem Willy Weitling seine Ruhephasen verbringt, sein „Haus am See“, am Chiemsee. Das er von Kindheit an kennt und das einen wundervollen Ausgleich für ihn zu seinem alltäglichen Leben in Berlin bildet. Willy Weitling, Richter a.D. und immer noch ein „irgendwie“ Suchender nach sich selbst.

 

An diesem Ort der vielen Erinnerungen, wo der Wunsch schon einmal sich meldet, noch einmal die damalige Zeit der Kindheit und des Heranwachsens mit zu begleiten, gerät Weitling auf seinem Segelschiff in ein heraufziehendes Gewitter, wird augenscheinlich vom Blitz getroffen und findet sein 68jähriges, bewusstes Ich urplötzlich wieder im Körper seines jugendlichen Lebens. Beobachtend, ohne, dass er eingreifen könnte, ohne diesen Körper (zunächst zumindest) kontrollieren und lenken zu können. Eine ganz andere Zeitreise beginnt, in deren Verlauf der Weitling feststellen muss, dass sich erst Kleinigkeiten verändern und dann doch auch die großen Linien seines Lebens in Gefahr geraten. Könnte es sein, dass sich die Geschichte, Entwicklungen nicht wiederholen? Könnte es gar sein, dass er seine geliebte Frau nie kennenlernen wird in dieser „neuen“ Version des Lebensverlaufes? Jene Frau, die ihm inneren Halt gibt?

 

„Er hatte mindestens dreißig Jahre gebraucht, um das zu begreifen (dass sie ihn liebt, wie er ist)“ denn seit mindestens 60Jahren liebte er sich selbst keineswegs so, wie er war.“

 

Die Weisheit des Alters, die sich plötzlich verbindet mit den „Sturm und Drang Jahren“, den inneren Unsicherheiten des Aufwachsens und einer ganz anderen, distanzierten Betrachtung der nahestehenden Personen. Allein, wie Nadolny seinen alten Weitling einen Blick auf seine Eltern werfen lässt, ist ein inhaltliches und sprachliches Erlebnis. Nicht mehr gefiltert durch die Sicht aus des Jugendlichen Sicht in allzu engen Beziehungen sieht Weitling diese geliebten Menschen objektiver, ruhiger, differenzierter, wie auch die Verhältnisse in anderes Licht getaucht werden. Und wie sich allmählich eben auch Beunruhigung breit macht über den möglichen nun anderen Verlauf seines Lebens.

 

„Was würde ich tun, wenn ich noch einmal auf Anfang gestellt werde mit dem Wissen von heute“, ist die leitende Frage dieses Romans, die Nadolny von allen Seiten her beleuchtet.

Das Buch bildet dabei einen intensiven, anrührenden, tiefen Blick auf das Leben selbst, auf die menschlichen Entwicklungen, die vielen Sackgassen, die großen Unsicherheiten, die oft ein Leben lang begleiten und dies in einer ebenso intensiven und hochwertigen, ruhigen Sprache, die immer auf den Punkt kommt und nie etwas von all dem Unterschlägt, was jenen Punkt jeweils umkreist und begleitet. Ein (wieder einmal) wundervolles Buch.

 

M.Lehmann-Pape 2012