Suhrkamp 2012
Suhrkamp 2012

Stephan Thome – Fliehkräfte

 

Noch einmal ganz anders?

 

„Jetzt wird die Welt um ihn herum nur still, und er ist glücklich“.

 

Eine Stille, die der Hauptfigur des neuen Romans von Stephan Thome, dem auf die 60 zugehenden Philosophieprofessor Hartmut Heimbach aus Bonn, an sich nur selten gegeben ist. Und in seiner konkreten Situation jetzt sehr weit entfernt scheint.

 

An seinen Karrierewünschen zwar nicht gescheitert, aber am „falschen Ort“. In Bonn wollte er eigentlich nicht jahrzehntelang Professor sein, eher in Berlin. Und scheiterte knapp davor, wie in so manchem anderem im Leben. Aus einfachen Verhältnissen stammend, mit einem schwierigen Verhältnis zum Vater von früh an belastet, wusste er zwar immer, wo er „irgendwie“ im Äußeren  hin will. Aber innere Ruhe? Höchstens äußere Formen des gleichförmigen Lebens kennt er. Was nun auch in Unordnung gerät. Denn seine Frau hat eine Stelle in Berlin angenommen. Im vorgerückten Alter somit ein Strohwitwer. Mit einem Angebot. Auch er könnte in Berlin neu beginnen. Als Verlagsangestellter

 

Geht das? Ein so großer Einschnitt? Und lohnt sich das überhaupt noch, auch für die Ehe? Wenn da doch nicht immer so eine Art Filter wäre, die ihn sich selbst, seine Emotionen, seine eigene Persönlichkeit oft nur wie durch Watte spüren lassen würde. Und doch spürt er immer wieder die innere Angst, an sich, an seinem „eigentlichen“ Leben vorbeizuleben. Wie die Großmutter, die verbittert jahrzehntelang in der hessischen Provinz nur aus dem Fenster schaute. Aber was ist sein Leben? Für ihn, der das geschliffene Wort und den geschärften Blick für die Schwächen der anderen wie eine Schutzwand zu nutzen bestens versteht? Dem aber Empathie schwierig ist, auch sich selbst gegenüber. Aber ist er gescheitert?

 

An vielem durchaus, was das äußere und innere Erleben mit den Seinen angeht.

 

„Insgeheim hofft er darauf, dass jemand die Inszenierung beendet“.

Dieser Satz in einer konkreten Situation scheint das eigentliche Programm, die eigentliche Hoffnung und Aufgabe für ihn zu sein. Wie ein Thema über das Buch könnte man diesen Satz verstehen.

Und Stephan Thome schickt seinen Professor auf eine Reise, innerhalb derer seine „Inszenierungen“ überprüft werden. Und nicht nur seine.

 

Bei seiner ersten Liebe in Paris. Bei seinem wohl einzigen ehemaligen „Freund“ am Atlantik. Im Gespräch mit seiner Tochter, in dem so manche „Inszenierungen“ von alleine zusammenbrechen. Immer wieder in Satzfetzen mit seiner Frau (auch deren Scheitern ist ein Thema im Buch) und, das bleibt nicht aus, wenn die Gedanken schweifen, in vielen Rückblicken, Eindrücken, Reflektionen des Verhältnisses zu seiner Familie.

 

Nicht einfach ist das, was Thome da an Desillusionierung, an innerem Scheitern, an konkreten Vorhaltungen in den Raum setzt, in seinem  Resümees eines äußerlich bürgerlich erfolgreichen Lebens mit zu wenig innerer Füllung  und Kontakt zu sich selbst. Und doch wird es Momente geben, an denen „es still wird und er glücklich ist“.

 

„Man ist nie zu alt, sich zu verändern, oder? Ich meine echte, grundsätzliche Veränderung“.

„Nein, theoretisch nicht“.

 

Aber praktisch? Das ist die Frage des Autors, die sich durch diese sprachlich ganz hervorragend erzählte Geschichte zieht. In einer Sprache, die den Leser unmerklich und immer mehr hinein nimmt in eine innere Lebens-Tristesse, aber auch in ganz langsame Erkenntnisse und kleine innere Befreiungen. In guter Weise widersteht Thome dem, beim Beruf seiner Hauptfigur naheliegenden Impuls einer  philosophischen Betrachtung. Auch der Beruf ist eher Quelle der Bedrängung.

Ein Lebensstil eben, der eher der Angst und nicht den eigenen Sehnsüchten geschuldet ist. Was der Professor schmerzlich erkennen muss in jenen Szenen, in denen klar wird, warum seine Frau den Schritt nach Berlin gegangen ist. Und wie wenig er oft von den engsten Menschen um ihn herum wirklich verstanden, auch nur gesehen hat.

Da hilft auch nicht der (ebenfalls scheiternde) Versuch, in den Armen einer anderen kurzfristige Entlastung zu finden.

 

Stephan Thome gelingt es, in unprätentiöser, fast nüchterner Form die „Fliehkräfte“ des Lebens seiner (jeder und jede für sich gelungenen) Protagonisten präzise aufzuzeigen und dem Leser emotional nahezubringen. Ob und wieweit sich diese Fliehkräfte „beruhigen“ oder „in Einklang“ bringen lassen, darf in Momenten als gelungen betrachtet werden, auf die große Strecke eines Lebens aber eher nicht. Scheitern ist Teil dieses „Zerrens der Kräfte“, die immer wieder den gemächlichen Lebensfluss der Gewohnheiten durchbrechen werden.

 

Ein intensives und nachhallendes Buch menschlicher Entwicklung, des Suchens des eigenen Inneren (in jedem Alter) und des Scheiterns des Versuches eines rein äußerlichen, klassisch bürgerlichen Lebens.

 

M.Lehmann-Pape 2012