Die Nische 2012
Die Nische 2012

Stephan Weiner – Ellbogenland

 

Eine Welt, die nicht auf einen wartet

 

Endlich fertig. Magister in der Tasche.

Geschichte , Kultur, Philosophie, darin ist man bewandert und „geprüft“ und nun wartet die Welt doch nur, dass sich der „Held der Geschichtswissenschaft“ den Medien mit seinen Idealen von qualitativer Berichterstattung aktiv zur Verfügung stellt, oder?

Ein „Idealist“, der allerdings schon Schwierigkeiten hat, zu wissen, wie viel Porto auf einen Bewerbungsbrief gehört. „Fachwissen ja, Wissen über die Welt nein“, so kann man den Start des Buches zusammenfassen.

 

Diese Pole zwischen „Naiver Geisteswissenschaft “ und „kühl effizienter Welt“, die kaum mehr moralische Schranken für den eigenen Erfolg kennt (von der Trash Fernsehsendung auf unterstem Niveau bis zum Angebot eines Jahrespraktikums für 250 Euro monatlich in Hamburg), lässt Weiner nun in der Form eines Tagebuches gegeneinander prallen. In einer Sprache, die fließt, „wie ihm der Schnabel gewachsen ist“. Authentisch, dadurch aber hier und auch sperrig. Mit einer Hauptfigur, die doch sehr naiv zu Werke geht und daher ab und an zu sehr „nicht von dieser Welt“ wirkt (mit nur einer Bewerbung zunächst den einen Job schon sicher zu glauben?). Durchaus aber gelingt es Weiner immer und immer wieder, das „Leben mit und durch den Ellbogen“ zu beleuchten.

 

„Nur dieses beschissene Geld. Alle wollen immer Geld haben. Nur mit meinem Studium lässt sich kein Geld machen“.

So sieht es eben aus. Aber mit fast unbeugsamer (und selbstüberschätzender) naiver Haltung stemmt sich der Neu-Magister gegen diese Erkenntnis.

 

Gut gelingt es Weiner, diese Atmosphäre zu treffen, in diese jahrelang vertraute Welt des Studiums nicht mehr hinein zu passen, zu sitzen, zu warten, nichts mehr zu tun zu haben. „Fachlich ausgelernt, in der Bildung der Persönlichkeit aber noch am Anfang“.

Und dann knirschend sich den „Regeln der Welt“ zuwenden zu müssen. Mit wenig Erfolg und dann wieder im alten Kinderzimmer bei den Eltern landend.

 

Kein „Medienjob“, höchstens ein „Nebenjob“ war (und auch nur kurz) zu finden. Hier allerdings trägt Weiner zu dick auf. Kaum vorstellbar ist, dass fast alle Mitarbeiter des Kölner Nachtlebens ihre universitären Abschlüsse (zwar in teils obskuren Fächern, aber dennoch) in der Tasche haben. Und alle sich fast auf Dauer in einfachen Handlangerarbeiten eingerichtet haben. Ein nicht ganz realistisches Bild, aber ein probates Stilmittel, die Trennung der Welt in „Idealisten, die nach Neigung studiert haben“ und „Realisten, die „das Richtige“ studiert haben, scharf gegeneinander abzugrenzen.

 

„Wollte ich doch endlich das machen, was ich mir fünf Jahre gewünscht hatte. Nun sitze ich hier in meinem kleinen Loch. Schuh geklaut, Diskojob verloren, perspektivlos“.


Wartet doch noch ein Happy End? Von wegen, denn bei seinem ersten möglichen Medienjob (fast angekommen!!!!) werden dem Schöngeist erst recht die Augen geöffnet, in welcher Welt er da ankommen könnte. Und auf keinen Fall will. Da bleibt er bei sich, da passt er sich nicht an. Im Lauf des Buches nun aber nicht aus Trotz oder Naivität, sondern tatsächlich aus eigener Entscheidung heraus.

 

Doch, er wird irgendwann einen (seinen?) Platz findet. Aber ganz anders, viel weniger hochtrabend, als es die Hoffnungen in sich getragen hätten. Dafür, könnte man sagen, hätte es eines Studiums nun wirklich nicht gebraucht.

 

Gelungen sarkastisch ist der Unterton des Buches. Nicht immer gelingt es Weiner, den Leser ganz mit hineinzunehmen in diese „Ent-Täuschung“ seines Protagonisten, hier und da verbleibt er zu sehr in der rein äußeren Beschreibung von Ereignissen und trägt ein Stück zu dick auf, was das Verhalten und manche Folgen (auch bei Face-Book) austragen.

 

Im Gesamten aber dringt durch die Zeilen des Buches durchaus die Erkenntnis, dass ein Verbiegen und hochgradiges Anpassen zwar vielleicht an „Fleischtöpfe“ führen könnte, aber dabei der innere Mensch auf der Strecke bleiben wird. Und dass diese Welt scheinbar das eine oder das andere fordert. An manchen Stellen zu lapidar in der Sprache, aber eine aus den Fugen geratene Welt mit wenig Aussichten für „ Überzeugungstäter“, die bildet Weiner empfehlenswert zu lesen ab.

 

M.Lehmann-Pape 2013