KIWI 2015
KIWI 2015

Stuart Nadler – Das Buch des Lebens

 

Auf den Punkt erzählt

 

Von Beginn an und in jeder der Erzählungen lässt Stuart Nadler mit erkennbarer Lust (und dennoch nie ausschweifend) und sehr präzise seine Worte wunderbar beschreiben, sei es im Äußeren der Situationen, sei es im Inneren der Figuren.

 

„Sein Hemdsärmel ist hochgekrempelt, die Ader an seinem Bizeps pulsiert im selben Takt wie die an seiner Stirn“. Und diese äußeren Beobachtungen entsprechen (nicht nur bei Dave) dann exakt den inneren Befindlichkeiten und ergeben eine sich fortsetzende, vielschichtige Erzählweise, die den Leser immer wieder mitten hinein nimmt in die Lebenssituation und die Emotionen der Figuren.

 

So, wie Henry vorgestellt wird, der begabte Maler, noch eher im Stillen für sich. Man riecht förmlich die Farbreste, die wilden Spritzer auf Armen und Kleidung. , sieht das Sandwich, den Käse, die leichte Unordnung, spürt darin umgehend seine zurückhaltende Art, seine Ungeordnetheit, sein „in sich versunken“ sein, seine Sehnsucht nach Kontakt aber auch, als seine Lebensgefährtin die gemeinsame Wohnung in dieser Situation betritt.

 

Und unversehens ist man mittendrin in den Irrrungen und Wirrungen der Gefühle, erlebt scharf gezeichnet und emotional hervorragend nachvollziehbar die Grenzen des Gemeinsamen durch die jeweiligen Grenzen der Personen, die Schatten über die man nicht springen kann.

 

Denn ist es das Drängen Catherines, ihr unheilvolles Eingehen auf die spitzen Bemerkungen der vermeintlich besten Freundin, die zur Katastrophe in der Beziehung führen wird? Oder ist es doch die Schwäche Henrys, der einer Versuchung nicht widersteht? Die es aber gar nicht gäbe, wenn Catherine sie nicht künstlich herstellen würde.

 

„Wie kannst Du wissen, dass er da draußen nicht gerade irgendeinen Mist verbockt“?

 

Kann man nicht, so die Quintessenz, der rote Faden durch die Geschichten im Buch. Das Spannungsfeld zwischen Vertrauen und Überprüfung, zwischen einem „Ruhen in sich selbst“ und jener nach Kontrolle rufenden Unruhe, die am Ende eher belastet, statt stärker zusammenführt bleibt eine offene Dynamik in den Beziehungen, die Nadler beschreibt.

 

Und doch mündet all dieses „Nicht miteinander“ (um die eigenen Makel nicht dem kritischen Blick des malenden Freundes auszusetzen) und nicht „ohne einander“ in der Geschichte um Henry und Catherine eine dann langesame, andere, verhohlene, indirekte, mit kleinen Nebensätzen von Nadler beschrieben Annäherung.

 

„Sie hat nur ein Shirt an und ein Höschen, das sie eigens für diesen Besuch gekauft hat“. Und das doch nicht zugeben wird.

„Einst hatte er sie sich eingeprägt, dann hatte er alles vergessen“.

Nicht aber sein Herz. Und Ihres.

 

Langsam eben soll und muss es gehen statt überfallartig. Zumindest bei diesen beiden. Und erst muss bei sich angefangen und etwas geändert werden (nicht nur die Zähne), damit beide stabiler zueinander finden könnten.

 

Nur eine von sieben Geschichten, die sich allesamt um das zwischenmenschliche in seinen vielfältigen Formen drehen. Um jene Momente, die für die Beteiligten wichtig, anrührend oder dramatisch sich ereignen und die Nadler bestens versteht, dem Leser zu vermitteln.

 

Immer wieder ist es die Liebe in vielfältigen Formen, aber auch die Nebenlinien des Lebens, die Böswilligkeit mancher Menschen, das „nicht gönnen können“. Lebhaft geschildert, räumlich dreidimensional (wie sich jene jungen Frau auf dem Barhocker räkelt und deren schwülstige Erotik Nadler plastisch und massiv vor Augen zu führen versteht, wie er andererseits sensibel und zurückhaltend, melancholische Momente aushält und wirken lässt).

 

Wobei jene „Beziehungsfragen“ von Nadler in großer Weite aufgenommen werden und ebenso das Verhältnis von Geschwistern betreffen wie die Suche nach Gott.

 

Es ist nicht einfach, sich selbst zu finden und zu bewahren in einer Welt der vielen Möglichkeiten und der komplexen Wahrheiten.

 

Und doch gibt es, zumindest in den Traditionen der Menschen im Buch, auch Momente, in denen klar wird:  „Das ist die verdammte „Gott-ist-mein-Zeuge-Wahrheit“…..die „Gott-ist-mein-Zeuge-Wahrheit““. Man muss dann nur bereit sein, sich darauf ein stückweit einzulassen.

 

In ausgereifter Sprache und mit einem sehr genauen Blick für den Moment, die Räume, die Personen und die Entwicklungen zwischen den Personen wendet sich Stuart Nadler in den sieben Geschichten dieses Buches grundlegenden Themen des menschlichen Seins zu, der Liebe, dem Vertrauen, dem Verlust, der Einsicht, den Wurzeln der eigenen Tradition, auch wenn man diese gar nicht mehr wirklich kennt, die wiederum immer konkret an den Personen und deren Geschichte miteinander fest angebunden bleiben. Den vielfältigen Beziehungen und Strömungen eben, die das Leben ausmacht.

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.


M.Lehmann-Pape 2015