Kiepenheuer & Witsch 2014
Kiepenheuer & Witsch 2014

Stuart Nadler – Ein verhängnisvoller Sommer

 

Familiengeschichte mit Hintergründen

 

Es ist der „amerikanische Traum“, der sich in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts für Arthur Wise erfüllt.

 

Als aufstrebender Anwalt wird er mit einer erfolgreichen Sammelklage der Hinterbliebenen aufgrund eines Flugzeugabsturzes beauftragt und schwer reich, von jetzt auf gleich.

Und beginnt umgehend, sich in den Kreisen der Reichen einzurichten, wobei das Haus auf Cape God nur eines der Puzzlesteine ist, das seinen Aufstieg begleitet.

 

Doch der damals verbreitete und vorherrschende Standesdünkel, der konsequent auf die Grenzen achtet, sowohl, was den Geldbeutel des Bekanntenkreises angeht, wie vor allem, was die Hautfarbe betrifft, scheint in seiner Nachfolgegenration noch nicht recht angekommen und verankert zu sein. Vielleicht, weil sein Sohn die ersten 12 Jahre seines Lebens „ganz normal“ verbracht hat, bevor der Reichtum kam?

 

Sein Sohn, Hilly zumindest schließt enge Freundschaft mit Lem. Der arm und schwarz zugleich ist. Und mehr noch, die Nichte Lems, Savannah, bedeutet Hilly bald mehr, als es einem Sohn reicher, weißer Leute eigentlich gut zu Gesicht stehen würde. Sagt man.

 

Missverständnisse, Unbill, verletzte Gefühle, all dies steigert sich mehr und her (durch Nadler in seiner Spannungskurve sehr nachvollziehbar Schritt für Schritt dargestellt) und endet in einer Tragödie. Die aus diesem Sommer heraus für Jahre ihren Schatten über das Leben legt.

 

Was aber genau dahinter gesteckt hat, warum es so kommen musste, wie es kam, wer alles an Schrauben gedreht hatte, das erschließt sich Hilly erst viel später, im Leben und im Roman. Eine Wahrheit entdeckt er, auch über seinen Vater, die nicht leicht zu tragen sein wird.

 

Wie die Geschichte sich im Außen darstellt, so lässt Nadler dies auch in den Beziehungen untereinander korrespondieren. Die Zerrissenheit der Gesellschaft der damaligen Zeit findet sich gekonnt dargestellt im Binnenverhältnis zwischen Vater und Sohn wieder.

 

Diese Zerrissenheit zwischen Liebe und Ablehnung, Zuwendung und Strenge, Vertrautheit und Fremdheit, zwischen den Zeilen ist zu spüren, wie schön es wäre, klare Beziehungen und Bindungen leben zu können und wie dies immer wieder am „So- Sein“ der Personen scheitert, ebenso, wie an den Grenzen des gesellschaftlichen Lebens Dinge eben „einfach nicht gehen, nicht gehen dürfen, nicht sein sollen“.

 

Haltungen, die ihren Preis fordern und eine gelungene Darstellung der Reibung zwischen den Generationen jener Zeit, dann auch der sechziger Jahre in Amerika mit der „erwachenden Jugend“ und den stärker werdenden Anti-Rassismus-Bürgerbewegungen der Zeit.

 

Die alltäglichen kleinen Diskriminierungen, das ständige Schwelen der Abgrenzung, das erwachsen werden Hillys in der Reibung zwischen dem, was ihn bewegt und dem, wofür auch sein Vater zu stehen scheint finden sich wie beiläufig bestens beobachtet und geschildert im Roman wieder und lassen jene Haltung dem Leser nahe kommen, die auf Dauer mehr zerstört, als dass sie bewahrt.

 

Wobei die Lektüre sich nicht immer als ganz einfach herausstellt. Aus der Perspektive Hillys in der Ich-Form erzählt lässt Nadler gerade im ersten Teil des Buches diese Zerrissenheit des jungen Mannes intensiv auch im Stil spürbar werden, was zu manchen Sprunghaftigkeiten führt, nichtsdestotrotz aber das Gefühl der Beklemmung im Leser deutlich anspricht und spürbar macht.

 

„Bei Dir ist nie irgendetwas dabei, Hilly. Und dann passiert etwas Schreckliches. Du ziehst das Unglück an“. Oder er macht es sichtbar, je nachdem, wie man es sieht.

 

 

Eine interessante, sehr genau schildernde Lektüre, die nicht immer flüssig zu lesen ist, aber emotional nahe kommt und gerade die Beiläufigkeit der rassistischen und klassenorientierten Diskriminierung jener Jahre bestens vor Augen führt.

 

M.Lehmann-Pape 2014