Galiani 2017
Galiani 2017

Sven Regener – Wiener Straße

 

Ein durchgängig pures Vergnügen

 

„IST DAS DIE ART, WIE HIER KUNDEN BEHANDELT WERDEN? IST DAS DIE DIENSTLEISTUNGSGESELLSCHAFT, VON DER ALLE REDEN“?

 

Wehe wenn „H.R.“, Künstler, im Baumarkt eine Kettensägte zu erstehen gedenkt, zugleich eine „Grabgabel“ sein Wohlgefallen findet, aber der Verkäufer ebenso zu wenig diensteifrig den Mann bedient, wie auch die Kassiererin scheinbar anders in alleR Ruhe vorher noch erledigen will, bevor die „H.R.“ abkassiert.

 

Ein cholerisches Temperament, das hat der Künstler (und ist dabei nicht der einzige, betrachtet man das „Plenum“ einer „Künstler WG“ (mit nur einem Künstler. Mit Hammer. Den er am Tapetentisch erproben will wird und wird).

 

„ICH DACHTE, SIE WOLLTEN HELFEN!! DAS HABEN SIE DOCH GESAGT: KANNICK HELFEN! DAS HABEN SIE DOCH GESAGT: KANNICK HELFEN! GENAUSO………ODER NICHT“?

 

Wie dann aber im Baumarkt „H.R.“ dem Fachverkäufer Nachhilfe in „Berlinerisch gibt“, wie die Kassiererin in gegenläufiger Bewegung knochentrocken angesichts der Bedrohung durch die Grabgabel reagiert und, am Ende, fließend ins Hochdeutsche wechselt, das hat schon in dieser Szene einfach jene Klasse, die Regener das gesamte Buch hinweg durchhält.

 

Sei es Erwin, Gastronom der langsam, aber sicher dem Nervenzusammenbruch entgegenreitet. Gejagt von der Schwangerschaft seiner „Lebensliebe“ Helga, von seiner aufsässigen Nichte, die ständig einen Job in seinem Café in der Wiener Straße beansprucht, vom einsamen Anwohner, Taxifahrer und in der Lage, durchweg ohne Punkt und Komma zu reden, ohne sich auch nur im Geringsten stören zu lassen (im Übrigen aber der einzige, der handwerklich so einiges drauf hat).

 

Ob die alte Kaffeemaschine nicht will, wie Erwin. Ob, 8der „Running Gag“ des ersten Teils des Buches9, ständig jemand fragt „Ist schon offen“ (nein, erst ab 18 Uhr!!!!), oder ob die bisher bei Erwin mitwohnenden „Individuen“ nun echt auf eigene Beine sich zu stellen haben (wohnmäßig! Und gegen Miete!!!!), das Chaos bricht sich an allen Ecken Bahn (bis hinunter in den WC Bereich der Kneipe und hinüber zu den jungen Jugendlichen, die ihre „Kiezgrenze“ effektiv bewachen und hohes Interesse an der Kettensäge entfalten, die „H.R.“ nach Hause trägt).

 

Nach Hause trägt im Übrigen, weil er beim Einkauf für die Renovierung der neuen Wohnung schlichtweg im Baumarkt vergessen wurde.

 

Dass dabei, in der Form, der erste Satz des Buches nur wenige Worte ins ich trägt, der zweite aber locker über knapp drei Seiten sich erstreckt, auch das zeigt, dass Regener gewillt ist, seinem höchst „ver-rückten“ Personal assoziativ, mäandernd und doch immer auf der Höhe der Figuren zu folgen.

 

Der Ritt auf der Grenze zur Groteske jedenfalls gelingt perfekt. Was auch an Frank Lehmann liegt, der „normale“, ruhende Pol in all den Aufgeregtheiten, den Regener ebenso perfekt und differenziert auf den Punkt schreibt, wie alle anderen Personen im Roman im Gefühl des Lesers gar nicht anders sein können, als sie eben sind.

 

Personen, die hinter all den „Vordergründigkeiten“, hinter dem „Slang“ und der (leichten bis schweren) Verzweiflung an der Welt und „den anderen“ auch Tiefe in sich tragen. Erwins Liebe. Wie Markos Einsamkeit. Wie H.R.´s Kunstverständnis. Wie selbst der alte Juwelier auf der Straße mehr mitschwingen lässt, als eben nur „aus der Zeit gefallen“ zu sein.

 

Eine Tiefe, die sich, wie ein Aufblitzen, immer wieder in der Not zeigt, sich mit profanen Dingen wie Finanzen, Miete, Krankenversicherung und anderen Dingen der „Gesellschaft“ beschäftigen zu müssen, die das freie Spiel der Kräfte einfach immens stören. Trotz allen Humors hat es auch einen bitteren Beigeschmack, zu lesen, wer da alles und warum um einen unterbezahlten Job in der Kneipe nachfragt.

 

Das Ganze setzt Regener sprachlich überragend in Szene, setzt dabei eine Situationskomik neben die andere und, auch wenn das erst gar nicht auffällt (und noch weniger stört), bietet sogar einen roten Faden im Hintergrund, der ein ganz konkretes Lebensgefühl und den Versuch der Bewahrung desselben als Thema setzt.

 

 

Eine hervorragende Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2017