Berlinverlag 2014
Berlinverlag 2014

Tahar Ben Jelloun – Eheglück

 

Von Glück und Bitterkeit

 

Minnegesang, regnende rote Rosen, Ehegelübde, natürlich Monogamie, Treue in allen möglichen Zuständen des Lebens. „Der Eine“ und „Die Eine“, Themen und Sehnsüchte, die auch das ganz einfach, normale Leben mit ihren inneren Bildern prägen.

 

Aber was bleibt eigentlich, wenn es nicht so gut läuft? Wenn es weder, wie im Märchen, „Glücklich und Zufrieden bis zum Ende der Tage“ läuft, noch eine zumindest tragfähige vertraute zweisame Gemeinschaft entsteht?

 

Wenn die Liebe als „Erhöhung“ (zu Zeiten) und „Verderbnis“ (zu späteren Zeiten) gesehen wird, zugleich aber genau das, was am Anfang der Geschichte stand (eine junge, begehrenswerte Frau, welcher „der Maler“ nichts widerstehen kann) auch in der Gegenwart aktuell in ähnlicher Form wieder in den Raum tritt (in Gestalt einer jungen, natürlich hübschen, Krankenschwester)?  Wenn einer sich scheinbar nicht entwickeln oder gar verändern kann?

 

Das ist, was Ben Jelloun mit Verve, wenn auch nicht immer mit einer ausgleichenden Tiefe auf allen Seiten der Medaille,  in seinem neuen Roman zum Mittelpunkt setzt.

 

Vom „Aussetzen des Verstandes“ („Die will ich haben!“) begonnen, bei dem alle mahnenden Argumente weggeschaltet werden, über die ersten Brüche im Gefüge bis zur „herzlichen Abneigung“ und schweren Vorwürfen an den anderen reicht die Palette des „Eheglücks“, das „der Maler“ und seine junge „Angebetete“ in ihren Jahren erleben.

 

„Er war nicht zufrieden. Verwahrlost. Er fühlte sich verwahrlost“.

Und das nicht erst jetzt, wo er körperlich so niedergestreckt wurde. Nein, dass das überhaupt alles so passieren konnte, wer, wenn nicht „sie“ trägt dafür die Verantwortung?

 

So führt Ben Jelloun den Leser zunächst ein in die Welt des Mannes, des Verbitterten, in all die Vorwürfe und die, in seinen Augen, nachweisbare Schuld der Frau.

 

Bei einem solchen Abgesang des „armen, leidenden Mannes“, der sich in allem aber selbst als verwöhnt und in einer kindlichen Anspruchshaltung entlarvt, aber bleibt Ben Jelloun nicht stehen. Denn da gibt es ja auch noch die andere Seite. Die Frau, die zu Worte sich melden wird und eine ganz andere Sicht auf das „Eheglück“, auf ihren Mann, auf dieses Leben wirft.

 

Und ganz allmählich schleicht sich beim Leser die Erkenntnis ein, dass es, nicht nur in Liebesdingen, das einfache „Richtig“ und „Falsch“ nicht gibt. Denn es sind immer eigen bleibende Personen, die sich verbinden und immer ein sich entwickelndes Leben.

Ohne eine Austarierung der Kräfte, eine auch eigene Verantwortung für sich und das Gemeinsame wird es im Niedergang enden, so die Quintessenz des Romans.

 

Bedauerlicherweise geht Ben Jelloun dieser möglichen Deutung nicht breit genug nach.

 

Gegenseitige Vorwürfe, das eigene an Vorstellungen immer unverändert zu lassen und eben nur „die Falsche“ damals gewählt zu haben, das ist ein Stück zu wenig an plakativer Aussagekraft für diese existenzielle menschliche Thema.

 

Mehr und mehr deutet sich allerdings bei der Lektüre an, dass der Schwerpunkt des Romans gar nicht „die Ehe“ ist, sondern sich die Augen vor allem auf einen richten, der seine Wichtigkeiten, sein Selbstbild, das, was er „braucht“, immer nur nach außen verlagert und vom „Außen“ erwartet. Eine Haltung, an der so ziemlich jede andere Person ebenfalls gescheitert wäre (nicht nur die dominante Ehefrau).

 

Es  trifft es den Leser, zu sehen, wie wenig „der Mann“ das Eigene zu sehen vermag, wie simpel seine kindlichen Anklagen verbleiben.

 

In einfacher Sprache und durchaus mit Tempo geht Ben Jalloun seinen beiden Hauptfiguren nach, führt in die Verästelungen und verschiedenen Sichtweisen der Ereignisse hinein und hindurch und bietet so eine durchaus, teils bittere  Sicht auf eigentlich jene „Unverbesserlichen“, die nur einem „irgendwie will ich“ folgen und dann an der eigenen Unfähigkeit zur Reflektion auch miteinander scheitern.

 

 

Ein durchaus lesenswertes Buch in einfachem Erzählstil, das aber nicht in allem überzeugt, teils zu oberflächlich verbleibt und hier und da zu kurz greift.

 

M.Lehmann-Pape 2014