Klaus Wagenbach 2011
Klaus Wagenbach 2011

Tanguy Viel – Paris-Brest

 

Familie, Geld, Raub und Lebensfragmente

 

Eine Familiengeschichte der besonderen Art in besonderer Form erzählt Tanguy Viel in seinem neuen , schmalen Buch. Eine Geschichte, die in der gewählten, hoch assoziativen Sprache, sprunghaft den Leser mitten hinein nimmt in die innere Entwicklung und das alltägliche Leben seines Protagonisten Louis. An der Grenze zwischen noch jugendlich und fast erwachsen mit 17 Jahren erlebt Louis zunächst ein notgedrungenes, aber auch innerlich folgerichtiges, Auseinandergehen seiner Familie unter besonderen Vorzeichen. Und beschreibt in fast kühler Weise die inneren Verbindungen, Haltungen und, durchaus, Hässlichkeiten der Familie. Bildhaft und doch oft eher  indirekt zwischen den Zeilen heraus fliessend.

 

Fest innerlich in Brest verwurzelt wird der Vater der Unterschlagung bezichtigt und verlässt mit seiner Frau und seinem jüngeren Kind Brest in Richtung des verhassten Südens. Nicht ganz mittellos, aber doch entwurzelt und mit Einschränkungen nun versehen. Vor allem mit angeschlagenem Ruf.

 

Ganz anders Louis, der zu seiner Großmutter zieht. Jene Frau, die gerade, nach einer kurzen Ehe mit einem wesentlich älteren Mann mehr geerbt hatte, als Louis Vater unterschlagen haben sollte (eine Ehe, die von vorneherein offen ausgesprochen wie ein Geschäft getätigt wurde. Marie Therese, die Großmutter, erhielt die Offerte des alten Mannes, seine Universalerbin zu werden, im Gegenzug stand die Heirat und das Leben als eine Form der Unterhaltungsdame. Keine Frage, dass sie von Beginn an vorhatte, darauf einzugehen. Aber der eigene Ruf war und ist ebenso wichtig, ein Spannungsfeld, dass unterschwellig durchaus eine Rolle spielen wird).

 

Eine Familie, die im vermeintlichen Blickpunkt der Öffentlichkeit stand und steht, die Wert auf einen Ruf legt und dennoch ihren Ruf durch die äußeren Ereignisse angeschlagen erleben muss.

Zudem tritt nun in Brest, in der Wohnung der Großmutter, in die Louis nun einzieht, ein verurteilter Dieb hinzu. Sohn der langjährigen Putzfrau des reichen, alten Mannes. Testamentarisch bestimmt muss Marie Therese diese Putzfrau auf Lebenszeit übernehmen.

Der Sohn, ein Schulfreund von Louis, der nach seinem Diebstahl auf Intervention von Louis Mutter die Schule verlassen musste, wird im Folgenden wie ein Zünglein an der Waage die „andere Seite“ des Lebens in den Raum stellen. Hier die auf den Ruf achtende Lebenshaltung der Familie, den höheren Kreisen durchaus zugewandt und dort die geerdete Energie, teils durchaus mit kriminellen Überlegungen.

Zwei Einflüsse, denen Louis ausgesetzt ist und die, letztendlich, zu seiner inneren Emanzipation führen werden.

Jener Louis, der von seiner Mutter beständige Abwertung erfuhr, den Ansprüchen nie wirklich genügte und nun durch den jungen Kermeur auf die Idee gebracht wird, gemeinsam einen Teil des großen Vermögens der Großmutter an sich zu nehmen. Der Auslöser für eine intensive Wendung im Buch, den Bruch des jungen Louis mit seiner Familie und seinem vermeintlichen Freund samt seinem Umzug nach Paris. Alleine. Und beginnt dort einen Roman zu schreiben, dessen Verlauf seiner Familiengeschichte intensiv ähnelt. Ein Manuskript, dass noch Folgen haben wird du als „Roman im Roman“ fungiert.

 

Einen zwiegespaltenen Eindruck hinterlässt dieser Roman, bei aller Qualität der Sprache, durchaus.

Einerseits versteht es Viel, eine intensive, auch schon rein sprachlich andere, Atmosphäre zu erzeugen. Wie gedrängt in einem unermüdlichen Fluss der Wörter, vielfach wie gesteuert durch Assoziationen und mit äußerst bildreicher Sprache, setzt er seinen Louis in die Welt.

 

Fragend, zweifelnd, abschweifend, genau beobachtend und sich wehrend.

Einer, der gut drei Seiten benötigt um den einfachen Sachverhalt mitzuteilen, dass seine Großmutter aus finanziellen Erwägungen einen alten Mann heiratete, ohne auf diesen Seiten eine erwähnenswerte innere Spannung der Großmutter zu beschreiben, der aber andererseits diese Entscheidung in ihren äußeren Folgen und Möglichkeiten in jede wichtige Verästelung hinein zu verfolge versteht.

Einerseits intensiv und breit, andererseits mit einem Geiz an Informationen, dass ist der gelungene Spannungsbogen der Form des Buches. Die Geschichte selber allerdings bietet einfach nicht genügend Substanz, um wirklich vollständig bei der Sache zu halten. Sicher, diese eher destruktive Familie, wie anderswo formuliert als „Ursprung allen Schreckens“, das ist interessant und spannend. Die äußeren Ereignisse aber, mitsamt dem kleinen „Kriminalfall“ und anderer Begebenheiten, vermögen es nicht, wirklich intensiv zu fesseln.

 

Sprachlich anders, spielend, ironisch, assoziativ und bildreich ein Erlebnis. In der Grundidee einer einander nicht wirklich zugetanen Familie interessant, in mancherlei Eckpunkten der Ereignisse aber auch langatmig und teils einfach langweilig bietet Tanguy Viel eine sprachlich mitreißendes Leseerlebnis mit leichten Schwächen im Spannungsbogen der Geschichte selbst.

 

M.Lehmann-Pape 2011