Heyne 2011
Heyne 2011

Tariq Ali – Die Nacht des goldenen Schmetterlings

 

Der Islam ist anders

 

Tariq Alis Ziel in den letzten Jahrzehnten war und ist es, den Islam auch von seiner anderen Seite darzustellen. Anders als die verkürzten Vorurteile, die in den westlichen Kulturkreisen durchaus als vorherrschend betrachtet werden könnten, anders aber auch als durch lautstarke (und teils gewaltbereite) Islamisten propagiert.

 

„Die Nacht des goldenen Schmetterlings“ ist hierbei bereits das fünfte Buch seines Schaffens in dieser Richtung und handelt im Kern von der Lebensgeschichte eines (fiktiven) pakistanischen Malers, Plato, der dem Sterben entgegensieht. Seine Lebensgeschichte aber, die soll ihn überdauern und aufgeschrieben werden und hier verwebt sich der Roman mit der zweiten, eigentlichen Hauptfigur des Buches, Dara, der die Geschichte Platos zu schreiben gedenkt.

 

Dieses Setting aber ist, wie auch in den letzten Büchern Tariq Alis, nur der Aufhänger, um einen genauen und differenzierten Blick auf die Gegenwart Pakistans (das Heimatland des Autors) und die vielfältigen Ursachen in der jüngeren Geschichte zu werfen, die zur aktuellen Lage im Land geführt haben.

Unruhe. Vormarsch der Taliban nicht mehr nur in den Grenzregionen zu Afghanistan, politische Anschläge, ein teils radikaler Islam, der immer weiter um sich greift.

Viele Hoffnungen der letzten Jahrzehnte auf Veränderungen, Öffnung zu einer freien, demokratischen Gesellschaft hin und, vor allem, auf Stabilität im Land, haben sich aus Sicht der Gegenwart her als trügerisch erwiesen.

 

Dies alles verwebt Ali in zwei Handlungsstränge. Der eine setzt den Biographen des Malers, Dara, einen langjährigen Freund Platos, in den Mittelpunkt des Geschehens. Dieser, ebenfalls Pakistani, lebt seit langem in London und betrachtet die Vorgänge seines Heimatlandes nur mehr aus der Ferne, wird aber nun durch Platos Ansinnen einer Biographie sowohl an vieles erinnert, wie auch aktuell mit vielem wieder konfrontiert. Eine Konfrontation, die ihn sogar mit Jindie wieder zusammenführen wird, seiner ersten, großen Liebe.

Eine Zusammenführung, die im übrigen auch gleichnishaft verstanden werden kann im Buch, denn auch mit seiner anderen, damaligen großen Liebe, dem Pakistan voller Möglichkeiten, trifft er in seiner Erinnerung wieder zusammen.

 

Der zweite Strang geht dem Lebensweg Platos nach, zeigt auf, dass der Maler aus tiefen Empfindungen schöpfte und großen Einfluss auf seine Freunde zu Zeiten hatte. So taucht Dara ein in die längst vergangene Zeit seiner Jugend und seiner Freunde von damals, Freunde wie Anis, der schon damals den Satz prägte: „Unsere Ahnen würden weinen, wenn sie sehen könnten, was für jämmerliche Gestalten aus uns geworden sind“. Aber, nach der Lektüre des Buches, wird deutlich, dass nicht unbedingt, die Protagonisten jämmerliche Gestalten waren oder sind, sondern dass der stetige Niedergang Pakistans systemische Wurzeln besitzt.

 

Ein wenig unentschlossen bleibt der Leser nach Ende der Lektüre zurück. Einerseits gelingt es Ali durchaus, anhand seiner (in weiten Teilen) islamischen Protagonisten sensible, suchende, hoffnungsvolle und in ihren Hoffnungen durchaus auch enttäuschte Menschen zu charakterisieren, die „die andere“ Seite des Islam durchaus zu transportieren vermögen. Zudem ist die im Roman immer wieder dargestellte Entwicklung Pakistans der letzten 40 Jahre ebenfalls lehrreich und von Interesse, vielleicht aber nicht genügend, um das gesamte Buch zu tragen. Die persönlichen Verwicklungen und Entwicklungen von Dara einerseits und Jindie andererseits, die in der jugendlichen Liebe ihren Anfang nahmen und in den dargestellten Lebenswegen der beiden im Buch ihren Fortgang nehmen, vermag allerdings nicht zu fesseln und bietet wenig über den Tag hinausreichendes dar.

Ein Roman mit einer tatsächlich differenzierten Sicht auf den Islam, mit einem ungeschminkten Blick auf das eher desolat scheinende Pakistan der Gegenwart, aber auch mit Längen, ausufernden Dialogen und einer nicht wirklich packenden Liebesgeschichte.

 

M.Lehmann-Pape 2011