Bloomsbury 2014
Bloomsbury 2014

Tatiana de Rosnay – Drei Tage in der Sonne

 

Kammerspiel und Entwicklungsroman

 

Ein Luxushotel an der Küste der Toskana. Hier und da „besucht“ durch Kreuzfahrtschiffe, die eng an die Küste fahren für einen „Gruß zum Hotel“ (da ahnt der Leser schon, dass das ziemlich daneben kann….)

 

Gäste lassen hier die Seele baumeln, diskret treffen Reiche aus allen Himmelsrichtungen und mit vielerlei Hintergrund aufeinander.

Figuren und Nebenfiguren, an denen de Rosnay leger und in stets wunderbar treffender und bildkräftiger Sprache all jene „Typen“ am Auge des Lesers vorbeigehen lässt, die nicht wohin wissen mit all dem Geld, aber wenig an fassbarer, menschlicher Substanz zu bieten haben. Denen der Zynismus (der alternde Schriftsteller) aus den Poren quillt oder die Marke von Uhr und Badehose Religionsersatz bietet. Eine Welt, der Nicolas sich (leider) sehr angenähert hat.

 

Der perfekte Ort für den aktuellen Stern am Bestsellerhimmel, Nicolas Kolt und seine junge Freundin Malvina.

Cocktailpartys, Blogs, Twitter, Menschen in der Metro, er genießt aus vollen Zügen, dass er, der Schulversager und ehemalige „Hausmann“, diesen einen Coup gelandet hat. Dieses Buch geschrieben hat. Verfilmt, Oskar prämiert, ein Volltreffer.

 

Durchgereicht durch Talkshows und Lesungen, im Bad der Menge und der Medien. Reicht doch als Leben, oder? Teil der Vertriebsmaschinerie, die aus allem, was Kunst sein könnte oder mehr ist als Müll umgehend versucht, den letzten Heller noch heraus zu holen.

 

Doch, je näher man Nikolas kennenlernt und je näher Tatiana de Rosnay den Leser auf diesen Mann und sein Umfeld, seine eigentlich engsten Freunde, sein Inneres schauen lässt, desto mehr erst feine, dann immer stärkere  Bruchlinien finden sich, die sprachlich überzeugend und wie selbstverständlich sich einstellen.

 

Der neue Roman, mit riesigem Vorschuss versehen?

Keine Zeile geschrieben, keine Idee im Kopf, oder, wie es Francoise, sein engster Freund sagen würde: „Du bist kein Schriftsteller, es wird kein Buch geben“.

Ein Freund übrigens, der sich ebenso wie alle aus Nicolas „altem Leben“ abgewendet hat.

Die ihn nicht wiedererkennen in diesem „Parvenü“.

 

Seine neue Liebe? Verseucht von Eifersucht.

Mehr sucht Nikolas heimliche Momente und stille Orte auf, um auf seinem geschützten Handy erotische und andere Nachrichten zu teilen, als dass er Malvina wirklich nahe kommt.

 

Einer, der seine Mutter seit Monaten nicht angerufen hat, der das einfach vergisst und wegschiebt, der aber auch nicht die Kraft besitzt, einfach alles sein zu lassen und von diesem einen Erfolg jetzt den Rest seines Lebens zu zehren.

 

Der beobachtete, überlegt, denkt, aber, wenn es drauf ankommt, sich nur reaktiv im Moment treiben lässt. Vor allem, was die Erotik angeht. Gelegenheiten mangeln ja nicht, attraktiv und reich und berühmt, wie er nun ist.

 

Die Schilderung eines Hotelzimmers im Buch führt den Leser symbolisch zum Kern des Problems du zu dem, was Nicolas an Entwicklung anzugehen hätte, um zu sich und einem neuen Buch finden zu können.

 

Verspiegelte Wände waren damals zu viel für ihn.

Sich selbst in den Blick nehmen, das ist das Problem, das der Mann scheut und nicht erträgt.

 

Doch in Ruhe gelassen werden wird er darin nicht.

Innerlich nicht, von den Veränderungen in seiner Familie und bei seinen Freunden nicht und auch nicht hier, im Hotel.

Eine unerkannte Person fotografiert ihn und stellt diese Bilder bei Facebook ein.

Wer? Warum? Wohin führen alle diese sich mehrenden Blick auf ihn?

 

 

Ein rasanter, dennoch sehr ruhig und tief erzählter Roman, der mit leichter Hand die Protagonisten tief zu zeichnen versteht und in der äußeren Geschichte ebenso zu überzeugen versteht, wie in der innere n Entwicklung des Mannes hin zu einem neuen Buch und, vielleicht, wieder zu sich selbst in dieser reinen „Bilderwelt“, in der er gestrandet ist.

 

M.Lehmann-Pape 2014