Berlinverlag 2016
Berlinverlag 2016

Thomas Lang – Immer nach Hause

 

Sprachlich hervorragend, inhaltlich hoch interessant

 

„Immer nach Hause“ ist sicherlich eine Art Lebensüberschrift, wendet man sich Person und Werk Hermann Hesses zu.

 

Tastend, auf der Suche, oft unzufrieden mit sich, dem Leben, dem Werk der eigenen Hände (bei dem das Manuskript eines Romans nur deswegen der Verbrennung entgeht, weil Hesse vergessen hat, Streichhölzer auf seine Bootstour mitzunehmen). Auf der anderen Seite aber auch eine echte „Diva“ in seinem Verhalten, in seiner ständigen „Aufmerksamkeit für sich selbst“ und dabei durchaus auch ausgeprägter Egozentrik.

 

Eigenschaft, die Lang wunderbar trifft und darzustellen versteht. In dem er den Leser sehr grundlegend mit in das innere Problem Hesses zumindest der Zeit seiner ersten Ehe mitnimmt.

 

Das nämlich jenes „zu Hause“ für Hesse, scheint es, immer genau da ist, wo er gerade nicht ist.

 

Findet er einerseits das Leben im Dorf am Bodensee als Ehemann und Vater stetig unerträglicher, schwankt zwischen erotischem Begehren „seiner Mia“ und dem drängenden Wunsch, zu Reisen, weg zu kommen, dem Ganzen zu entfliehen, findet man ihn kurz darauf mit seinem nervösen Magen in der Kur in Locarno vor, ebenso unzufrieden, unruhig, mit Anflügen von Heimweh und weiterem Fernweh.

 

Das dabei seine Frau, die selbst, für ihre Zeit, eine „gestanden Person“ mit künstlerischem Anspruch (und Können) ist, immer mehr (zu Unrecht) ins innere Hintertreffen gerät, dass das Dienstmädchen nur mehr wagt „auf Zehenspitzen“ zu gehen und das sich der Dichter und Schriftsteller ständig und ausschließlich nur um seine (gern jäh wechselnden) gerade vorliegenden, eigenen, inneren Befindlichkeiten dreht, das arbeitet Lang sehr präzise heraus und nimmt den Leser emotional eng mit hinein. Bis dahin, dass Hesse teilweise kaum zu ertragen, hoch unsympathisch im Raum steht.

 

Um dann wieder in die doch empfindsame innere Schau des Autors zu wechseln, Gedichte mit einzustreuen, den Schaffensprozess mit nachzuvollziehen, eben auch die gesamten Unsicherheiten, dieses künstlerisch und menschlich noch nicht Gefestigte vor Augen zu führen.

 

Selbst Sprachlich nähert sich Lang seinem Objekt dabei stark an. Die etwas gedrechselte Ausdrucksweise jener Zeit, der Stil Hesses, verbunden mit dem hohen und differenzierten Sprachschatz Langs ergibt durchweg eine in sich stimmige, passende Atmosphäre im Buch, die den Leser mit hineinzieht in die Zeit selbst, die Art des Lebens und Kommunizierens (auf Kuh-Karren und mittels Briefen und Paketen, die lange Beförderungszeiten haben).

 

Ein „nicht mit ihr und nicht ohne sie“ entfaltet sich, in dem Hesse das offene Wort nicht sucht, sondern ständig wie auf der Flucht agiert. In dem Lang sensibel auch auf den Zustand der Ehefrau eingeht, die Reaktion durch sich häufende „Hexenschüsse“, die ebenfalls als unbewusste Flucht, als ein „sich entziehen“ immer deutlicher vor Augen treten.

 

Wie ein Drama baut sich der Sog des Scheiterns auf, lässt den Leser emotional sich beteiligen und das ebenso schwankend wie Hesse selbst zwischen Verständnis und Ablehnung, Anziehung und Abstoßung. Und zeichnet dabei eine innere Entwicklung nach, die für die Werke jener Jahre, aber auch für das Gesamtwerk Hesses von höchster Bedeutung sind.

 

 

Eine hervorragende Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2016