Berlinverlag 2018
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Thomas Reverdy – Es war einmal eine Stadt

 

Die Masken der Moderne enttarnt

 

Da denkt einer, und geht dementsprechend motiviert an die neue Aufgabe heran, dass es „Die Firma“, ein Schwergewicht der Automobilindustrie, ernst meint. Das ein Vorzeigeprojekt, ein „Durchstarter“ von ihm als Teamleiter in Detroit, Sinnbild des Unterganges ebenjener Industrie in Amerika, auf den Weg gebracht werden soll. Zumindest die grundlegende Plattform des neuen Fahrzeuges.

 

Und d och, es macht nachdenklich, dass der Emailverkehr und die Videokonferenzen mit „Nr +1“, seinem Chef, mehr und mehr zerfasern, verlegt werden, nicht zustande kommen. Bis sich ernüchternd herausstellen wird, was wirklich hinter diesem Projekt steht und das kein massiver Mitspieler im kapitalistischen Ringelreihen auch nur den kleinsten Vorteil an Gewinn hergeben würde.

 

So kommt einem Eugene, der Leiter der Aufgabe, auch ein wenig naiv und blauäugig vor. Und dennoch ist dies eine Figur, an der sich nicht wenig der modernen Welt brechen wird. Einblicke in das Arbeiten und Leben in China, wo er zweimal bereits eher nervlich gescheitert ist. Die verwickelten Strategien der „Großen“, die ihm im Lauf der Ereignisse klarwerden.

 

Aber auch das soziale Leben, das für seinesgleichen genormt an allen Orten gleich vorbereitet ist. Genormte Wohnbereiche, genormte Wohnviertel für die Angestellten (was gerade in China fast wirkt, wie eine moderne „Sklavenkolonie“ und sich auch in diesem nichtssagenden Haus in Detroit im Wohnviertel wie vom Reißbrett fortsetzen wird.

 

„Wenn die Hausnummer nicht auf dem Briefkasten stand – er hatte nicht daran gedacht, das zu überprüfen, bevor er losfuhr -, hatte er Pech gehabt und würde sein Haus niemals wiederfinden“.

 

Doch Eugene legt an sich keinen Wert auf solches „abseitige Wohnen“. Gegen die Warnung in den Broschüren zieht es ihn in die Stadt. Zunächst auf ausgedehnten Fahrten durch die Straßen, dann in eine kleine Wohnung. Was Thomas Reverdy in gesamter Breite dazu nutzt, den Verfall der Welt dem Leser vor Augen zu führen. Ganz direkt und fassbar im Anblick geleerter Skelette von Büro- und Wohnhochhäusern. Von herumlungernden Kindern, Jugendlichen und Gangs auf den Straßen. Bis dahin, dass sein Büro am Ende der einzig noch belebte Raum im Wolkenkratzer sein wird.

 

Und indirekt, was die Erosion im menschlichen Bereich betrifft. Sein immer mutloser und demotiverter werdendes Team. Seine rechte Hand, am Anfang vor pragmatischer Energie strotzend und später nurmehr ein Schatten seiner selbst.

 

Was auch die anderen Personen angeht, die in ihren Perspektiven von Reverdy in elegantem, treffenden Stil eingeführt werden.

 

Das Kind Charlie, dass nichts mehr hat als seine Freunde von der Straße, mit denen er aufgewachsen ist. Und interessanten Hobbys mit diesen nachgeht, die mit  Benzinkanistern zu tun haben. Bis Charlie aus Sorge vor weiterer „Entleerung“ seiner Straße und dabei dann alleine zurückbleiben zu müssen, aus dem Haus der Großeltern wegläuft. Wie REverdy den Jungen und seine Freunde durch die Straßen der gefährlichen „Fast-Geisterstadt“ begleitet, das ist ebenso beklemmend, wie die Sicht des alternden Cops Brown. Der mit bitteren Gefühlen so manche „Maske des Unschuldigen“, wie der den Gesichtsausdruck von Toten im Stillen benennt, betrachten muss.

 

Und da ist noch Candice. Barbesitzerin.

„Ihr Lachen ist magisch“. Findet zumindest Eugene

 

Und hier könnte, in all dem Verfall der Sitten, dem Zurücklassen von Menschen wie Abfall, wenn die „Karawane des Profits“ weiterzieht, ein Lichtblick in dieser erodierenden Welt doch noch möglich sein. Was der Leser an diesem Punkt der Geschichte mit Spannung und der Hoffnung auf wenigsten ein wenig Positivem, weiterverfolgt.

 

Ein Roman, ja, aber letztlich könnte man den Roman auch als gesellschaftliches Fachbuch betrachten, das in flüssigem Stil und an konkreten, differenziert gestalteten Charakteren dem Leser den Spiegel einer mehr und mehr „insulären“, zerbrechenden und haltlosen Welt vor Augen führt, in der es am Wichtigsten fehlt, was Menschen für einen Blick nach vorne und das Sammeln ihrer Restenergie benötigen würden: Hoffnung.

 

„Sie werden sagen: Eine unsichtbare Hand hat die Karten neu gemischt, aber irgendwann kommt alles wieder ins Lot. Das ist natürlich falsch, und sie wissen es. Sie werden sagen: Es ist die einzig rationale Lösung. Rational aber ist es ein einziges Desaster“.

 

 

Aufrüttelnd und lesenswert, was die Geschichte, den Stil und den locker, aber tief eingebrachten Hintergrund der modernen Welt angeht.

 

M.Lehmann-Pape 2018