S.Fischer 2012
S.Fischer 2012

Thomas von Steinaecker – Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen

 

Völlig zerfließendes Seelenleben

 

Man braucht schon einen langen Atem, um die Protagonisten des Buches, Renate Meißner, Versicherungsvermittlerin bei einem (fiktiven) Versicherungsunternehmen auf ihrer ständig assoziierenden, analysierenden, sich selbst motivierenden inneren Reise zu begleiten, von der man bereits auf den ersten Seiten ahnt, dass ein (innerer) Absturz der Person in absehbarer Zeit fast zwangsläufig folgen muss.

 

Aufgrund einer Liaison mit ihrem ehemaligen Vorgesetzten in Frankfurt wird Renate Meißner intern nach München, ihre alte Heimat, versetzt. Und trifft auf Kollegen, eine ganze Büroetage, die unter einer drohenden Restrukturierung steht. Sieht es zu Anfang noch so aus, als wäre Renate Meißner ungefährdet und eher noch aktiver Teil dieser Restrukturierung, stellt sich langsam, Schritt für Schritt heraus, dass auch sie gefährdet sein wird. Trotz durchaus anfänglich guter  und erfolgreicher Arbeit. In einem Umfeld, das sich mit „Desaster Monopoly“ vergnügt und interne Wetten auf zukünftige Katastrophen abschließt.

 

Aber ganz bei sich ist diese Renate Meißner an sich ja von der ersten Seite an nicht mehr. Mülltüten stapeln sich an der Wand der neuen Wohnung, die voller Kartons steht, bei weitem nicht eingerichtet ist. Jeden Abend zählt Renate neben ihrer speckigen Matratze die Pillen für die Nacht ab. Jene Pillen, die Träume verhindern, die einfache Schwärze wohltuend in die Nacht setzen. Auch an deren sich allmählich erhöhender Anzahl spürt der Leser den fortschreitenden inneren Zerfall der Frau. Begleitet von einer ständigen, teils fast penetranten, Sicht alleine aus der Innenperspektive der Protagonisten her. Einer Innensicht, die ständig den Radar in die Umgebung wirft um vor zu erahnen, was denn nun an Verhalten angebracht, erfolgreich, zielführend wäre. Ein mäanderndes Denken, dass durchaus in bester Weise die vollständige Unsicherheit, das „Wegdriften“ des Kerns der Persönlichkeit darstellt.

 

Nebenbei steht auf diversen To-Do Zetteln der Protagonisten immer wieder die Suche nach der Großmutter, eine Suche, die nach dem Tod der Mutter vor kurzer Zeit wichtig wäre. Zu der Renate Meißner aus eigener Kraft aber einfach keinen Ansatz findet. Bis der Zufall zuschlägt und über die Arbeit in Russland ein Kontakt zustande kommt, der die Grenzen zwischen Realität und Wahn, Fakten und Traum endgültig zerfließen lässt.

 

Bei aller Sprachkunst des Autors, ein gemischtes Gefühl nach diesem Leseerlebnis verbleibt dennoch. Einerseits quält sich Renate Meißner seitenweise (und mit ihr der Leser) durch die Betrachtung und umgehende Analysierung von tatsächlich einfach Banalitäten, andererseits führt natürlich gerade diese ausufernde Darlegung der inneren Vorgänge den Leser bis in den fast letzten Winkel mit hinein in die Innenschau einer vereinsamenden Welt in der modernen Berufs- und Lebenswelt, in der Image alles zu sein scheint und menschliches Miteinander selbst als Sehnsucht kaum mehr spürbar ist. Somit könnte man sagen, dass die Mühe des sich „Durchwühlens“ durch seitenlange Assoziationen, Momentimpulse, die auch als Bilder im Buch mit festgehalten werden, sich am Ende des Buches durchaus gelohnt hat. Auf einer etwas abstrakten Ebene.

 

Keine leichte Kost ist dieses Buch und in Form und Stil nicht einfach, durchzuhalten. Aber letztlich einer der besten Spiegel des Lebens in der modernen (Berufs)- Welt mit all den Folgen auch für die „eigentliche“ Existenz, der zur Zeit als Buch zu kaufen wäre.

 

M.Lehmann-Pape 2012