Piper 2018
Piper 2018

Thommie Bayer – Das innere Ausland

 

Sprachlich und in der Entwicklung der Figuren bestens getroffen

 

Wie gewohnt und geschätzt legt Thommie Bayer auch in seinem neuesten Werk den Blick auf das „ganz normale“ Leben, ja, kreiert eine Hauptfigur (vom Alter und Aussehen her mit Parallelen zu sich selbst), deren wichtigstes Ziel im Leben am Ende war, nicht aufzufallen. Einer, der sich nicht nach vorne drängt, sondern der zufrieden damit war (und darin nichts an Versagen oder Schwäche fand), einen ganz normalen Beruf (Bahnbegleiter) zu ergreifen und ein ganz normales Leben zu leben.

 

Allein dies liest sich bereits wohltuend und entspannend in eine Zeit hinein, in der Karriere, wichtig sein, Druck haben, Tempo haben, Erfolg finden jene Werte sind, die Menschen eingeimpft werden.

 

So wundert es auch nicht, dass jener Andreas im Süden Frankreichs von seiner wohl eher schmalen Pension bestens und zufrieden lebt. Auch wenn er die Sprache nicht fließend beherrscht, ihm macht es nichts aus, fast alleine zu leben, oberflächlichen Kontakt genügsam zu pflegen.

Solange seine Bücher in der Nähe sind und der Kopf nicht abstumpft, ist alles in Ruhe und in Ordnung. Wenn auch, auch das ein Markenzeichen Bayers, von Beginn an emotional wunderbar in Worte gefasst mit einer gewissen Melancholie dem gesamten Leben gegenüber.

 

Denn, bei aller Entspannung und Ruhe mit sich selbst, die der Autor seinen Figuren mit auf den Weg gibt, zugleich gilt eben auch, was Bayer in seiner früheren Zeit als Musiker vorgetragen hat: „Glaubt nicht, dass ihr fliehen könntet, wenn ihr in die Eigenheime zieht. Wer sich auf sich selbst zurückzieht kommt erst recht in feindliches Gebiet“.

 

Denn auch in der Genügsamkeit bleibt es wichtig, dass „innere Ausland“, jene prägenden Dinge des eigenen Lebens, die man gerne zur Seite schieben, vergessen würde, sich vor die Augen stellen zu können. Um auf „freundliches Gebiet“ mit sich selbst zu gelangen.

 

Mit einer Melancholie (und das hält Bayer gekonnt in der Balance über die gesamte Strecke des Romans hinweg), die nicht in Weltflucht oder Misanthropie abgleitet, sondern die eher wie eine Art „Grundton des Lebens“ mitschwingt.

 

Gemeinsam mit seiner Schwester lebt er in zwei an- und ineinander gebauten, einfachen Häusern und lässt die Tage in Ruhe und mit innerer Anspruchslosigkeit verstreichen.


Warum seine Schwester Judith ihm völlig ausreicht, warum das gemeinsame Erleben der Kinder- und Jugendzeit bei beiden wohl anderen Menschen eine solch vertraute Nähe nicht mit ihm und Judith nicht ermöglicht haben, das klärt sich in den ruhigen, klaren und teils traurig-schmerzhaft zu lesenden Rückblicken auf das gemeinsame Aufwachsen und spätere Erlebnisse.

 

Und nun ist Judith gestorben und eine zunächst fremde, junge Frau steht vor der Tür. Eine ihm völlig unbekannte Nichte.

Die Gefühle wechseln jäh. Wie konnte Judith ihm das verschweigen?

Um dann überzugehen in eine tiefe, menschliche Erkenntnis über die Gründe, über Leid und Freude, über Liebe und bewussten Verzicht aufgrund dieser Liebe. Über Stolpersteine im Leben und die Chance, sich im Alter noch einmal neu vertraut zu werden

Das alles mit sorgsam gesetzter und doch völlig im natürlichen Fluss sich befindender Sprache, mit großem Wortschatz und einer stetig mitschwingenden, erkennbaren Emotionalität, die auf inneren Frieden und ebenso tiefer Freiheit mit sich hin das Leben ausrichtet und nicht auf „große Taten“ oder „Erfolge“ im Außen.

 

„Spricht da jetzt der ewige Fremdling“?

„Vielleicht. Ich glaube, ich hatte nicht das Ziel, frei zu sein, ich wars auf einmal und habe mich dran gewöhnt“.

 

Und auch das gilt für Andreas: „Andererseits sind Gespräche nicht alles. Mit Nina war freundliches Schweigen der Normalzustand gewesen“.

 

Eine ruhige Lektüre, die sprachlich begeistert und in den emotionalen roten Fäden bewegt. In der Thommie Bayer dem „ganz normalen Leben“ innere Füllung verschafft und damit dem Leser nahelegt, dass das Außen dem Innen folgt (und da die wirkliche „Musik“ spielt) und das Leben sich nicht im Außen erschöpfen sollte, um nicht leer zurückzubleiben.

 

Wofür schon jene Tochter steht, die genau diese erfolgshungrige Welt notgedrungen und, je länger der Roman andauert, doch mit innerer Freude verlassen musste.

 

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2018