Piper 2012
Piper 2012

Thommie Bayer – Vier Arten, die Liebe zu vergessen

 

Wie schön!

 

„Ich hol Dir keine Sterne mehr vom Himmel, die liegen nachher doch nur bei uns rum“, ist eine sehr alte Liedzeile von Thommie Bayer aus jener Zeit, als er noch als Liedermacher durch die kleinen Säle und Aufnahmestudios unterwegs war. Schon damals wurde deutlich, dass die Liebe, und hier die (zumindest zunächst) nicht erfolgreiche, nicht glücklich endende, in all ihren Facetten einen Schwerpunkt seiner kreisenden Gedanken darstellt. Wie auch in vielen Romanen, die seit dieser Zeit damals folgten und wie, nun auf höchstem Niveau, auch in seinem neuen Roman. Wobei hinter diesem „Grundthema“ noch eine weitere, existentielle Seite menschlichen Seins abgehandelt werden wird (und in allem Schaffen Bayers immer mitschwingt). Die Frage nach dem „Sein im eigenen Leben“.

 

Eine Liebe nun zunächst, die viele Facetten zeigt, die sich in Freundschaft, in der Liebe zur Schönheit, zur Musik, zur bildenden Kunst, in der Verehrung aus der Ferne, in ganz direkter Annäherung, eine Liebe, die sich als gescheitert, noch offen oder neu entfachend leise in den Raum bringt. Eines nur ist allen handelnden Personen im Roman zu eigen: Die Liebe bewegt das gesamte Leben mehr, als alle anderen Kräfte.

 

Empathisch, ruhig und sehr präzise seine Personen begleitend und beschreibend und dies alles in ausgereiftem und einfach schönem Sprachstil, mithilfe dessen Bayer emotionale Assoziationen als ständigen Begleiter bei der Lektüre bis in kleine Szenen hinein an die Seite stellt, dies zieht den Leser unweigerlich mit hinein in die Welt. Die Welt vor allem Michaels. In der Gegenwart in Venedig lebend, mit einer innerlich nicht einfachen Geschichte, was den frühen Tod der Mutter, das Verhältnis zum Vater und die Zeit im Internat angeht. Eine Zeit, die ihn allerdings zu den beiden unbedingten Lieben seines Lebens führte. Zum einen zu Erin, einer irischen Folkmusikerin, für die er seit Jahren inkognito Lieder und Hits komponiert und zum anderen zu seiner Liebe zur Musik (die ihn wohlhabend hat werden lassen).

 

Nach Jahrzehnten trifft Michael auf der Beerdigung seiner alten Internatslehrerin (der er beide Lieben verdanken hat) auf seinen ehemals besten Freund und zwei weitere damalige Mitschüler, mit denen gemeinsam er zu Zeiten Teil eines Gesangs-Quartetts war. Eine unbedacht ausgesprochene Einladung später finden sich jene drei anderen, nun ausgewachsene und vom Leben gezeichnete Männer, bei Michael in Venedig ein. Eine Reise in die Vergangenheit, die auf alle Beteiligten ein anderes Licht werfen wird, die zeigt, was vermeintliche und was wirkliche Freundschaft ist (und wie man eins vom anderen unterscheidet) und die empathisch und ruhig aufzeigt, wie bis dato alle Lebensentwürfe der vier Männer gescheitert sind. Obwohl Michael noch sagen könnte: „Egal was wird, was war, war gut“. Aber eben nicht in seiner Entscheidung zur Anonymität als Komponist. Für alle aber gibt es weitere Chancen, aber ob man sie nutzt, wäre die Frage. Wobei der alte Beatles Hit „With a little help from my friends“ im Verhältnis der vier Männer nicht nützlich gewesen war. Eine der vielen sorgfältig gesetzten sprachlichen Feinheiten im Buch, im Übrigen.

 

In all dem berührend zu lesenden Reigen um die Liebe dringt allmählich das eigentlich beherrschende Grundthema unaufdringlich mit in den Fluss der Geschichte und der Geschichten. Die Frage der „Fremdheit im eigenen Leben“, eines (wenn nicht das) der Kernthemen Bayers. Eine Fremdheit, der man weder mit Alkohol, noch mit ständigen Affären, noch mit „Brustton überzeugten“ Haltungen beizukommen vermag. Vor der man sich nicht wirklich verstecken, der man nicht wirklich entfliehen kann, nicht ohne schwerwiegende Folgen zumindest. Eine Fremdheit, die „von der Geburt an den Menschen antreibt, nach Hause finden zu wollen“, wie Bob Dylan es ausdrückt. Eine Fremdheit, die zumindest Michael, im Gegensatz zu seinen drei alten Freunden, hier und da für Augenblicke emotional zu überwinden vermag. In der Musik, in Freundschaft. Und so wundert es nicht, dass er eine der wenigen Figuren im Buch sein wird, die ein inneres „zu Hause“ vielleicht findet. Aber nicht die Einzige.

 

Wo und wie das sein kann, wer sich dabei bis zur letzten Seite selber im Weg stehen wird, welche alten Emotionen man geklärt dafür aufgeben muss, all dies sollte der Leser selber in diesem reifen und wunderbar geschriebenen Roman entdecken. Eine Entdeckungsreise, die sich überaus lohnt.

 

 

M. Lehmann-Pape 2012