Glaiani 2014
Glaiani 2014

Tim Krohn – Aus dem Leben einer Matratze bester Machart

 

Wenn der Kreis des Lebens sich schließt

 

Dass diese Matratze, die jenes Hotel ganz neu angeschafft hatte, auf der Immanuel Wassermann mit der jungen Kellnerin Gioia, die er nach kurzem Kennen spontan geheiratet hat (sie „konnte seiner jungenhaften Art nicht lange widerstehen“), von ganz besonderer Qualität ist, das zeigt sich über die Jahre und Jahrzehnte hinweg bis ihn zum Ende des Buches.

 

Kleine Geschichten sind es, die mit, auf und unter der Matratze geschehen.

 

Kinder im Keller unter Bombenhagel 1944, Mirtha Pistorius mit ihrem Mann 1951 (auch wenn dieser meint, gar keine Matratze zu benötigen, auf jeden Fall nicht das alte Ding vom roten Kreuz), Rosi Stadler, deren Geist bereits weitgehend in anderen Gefilden als denen der Gegenwart sich aufhält und so manch anderer wird die Matratze „im Haus“ haben und seine kleine Geschichte um dieses „Ding“ herum erleben.

 

Eine Matratze mit einem Fleck, der die Umrisse Amerikas zu zeigen scheint, der von der Unschuld zeugt und der im Lauf all der Jahrzehnte von 1935 bis zum „Schließen des Kreises“ 1992 das einzigartige Wiederkennungsmerkmal darstellt.

 

Geschichten, die im Übrigen nicht als Romanzen angelegt sind, die nicht poetisch überhöht sich darstellen, sondern die Tim Krohn mitten aus dem wahren, sicherlich dabei etwas abseitigen, Leben schöpft.

 

Was allein schon der „Zweitbesitzer“ Immanuel Wassermann spüren wird. Denn so, wie er sich das denkt, als Jude in Deutschland mit der neu angetrauten Sizilianerin, so wird das nicht werden. Auch wenn Glück im Unglück auch Teil dieser Ereignisse sein wird.

 

Und späterhin geht da auch nicht der weise und gereifte „Alte“ stetig dem Sonnenuntergang an der Küste entgegen,  sondern einer, der von sich sagt: „Die Nutzlosigkeit des Alters hatte seinen Blick geweitet“. Einer, der allerdings so (abseitig) lebensweise geworden ist, dass er in allem den gleichen Wert erkennt, vom alten kleinen Plastikring bis zu anderem Treibgut am Strand hin.

 

Dinge, die ihn an sich selbst erinnern. „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen“. Bis er diesen Stofffetzen mit den ausgeleierten Federn entdeckt.

 

Lakonisch, teils anrührend in den Lebensträumen, teils besonders in den Lebensaufgaben, teils das Grauen der  Bomben im Spiel nachgestellt. In ruhiger Sprache bietet Tom Krohn Portraits von Menschen und, vor allem, von konkreten Zeiten der letzten Jahrzehnte deutscher Wirklichkeit „im Kleinen“, die lesenswert im Buch je einen ganz eigenen Kosmos und Lebensweg ergeben.

 

 

Nicht durchgehend in gleicher Weise den Leser tief ansprechend, aber doch immer mit dem „Besonderem“ an den dargestellten Episoden und dem melancholischen Unterton, um länger über die einzelnen Geschichten nachsinnen zu können.

 

M.Lehmann-Pape 2014