Galiani 2018
Galiani 2018

Tim Krohn – Julia Sommer sät aus

 

Nächste Folge des Mammutprojektes

 

Fröhlichkeit. Wissbegierde. Zuverlässigkeit. Natürlichkeit.

 

Nur vier „menschliche Grundbefindlichkeiten“ von 64, denen Tim Krohn in dieser Fortsetzung seiner genauen Beobachtungen und ebenso unterhaltsamen Beschreibung der Gefühlswelt des Menschen, konzentriert auf ein Mietshaus in Zürich mit seinen 11 Bewohnern. Die in diesem Band (nicht nur Julia Sommer betreffend) tatsächlich viel „säen“.

 

Wobei die konkreten „Bepflanzungen“ geschickt gesetzt sind als Symbole für ein „Saaten“, die im Buch in den Personen und Beziehungen gesetzt werden und sich weiter entfalten und entwickeln.

 

Bei Personen, die ebenfalls vielfache Herangehensweisen an das Leben darstellen. Vom „intuitiven Gestalten“ des Lebens bis zum pragmatischen Durchdenken, vom Fatalismus bis zur Aufgeregtheit, in jedem Kapitel (durch gedankliches „Crowdfunding“ maßgeblich auf den Weg gebracht) wendet sich Krohn der Wechselwirkung von Emotion, Prägung, Lebenshaltung und Beziehungsentfaltung zu, dass es eine wahre Freude ist. Und bleibt dabei sprachlich nicht hinter den groß gesteckten Zielen der Abbildung des aktuellen menschlichen Seins zurück.

 

„Ich werde definitiv gärtnern“. So liest es Julia Sommer zum Jahreswechsel aus ihrer Bleifigur heraus. Und so wird es kommen, konkret und im übertragenen Sinne. Vor allem, als sie einen Embryo noch gießt aus dem Blei, da darf man als Leser gespannt sein, ob sich dies (und in welcher Form) bewahrheiten wird.

 

Was auch mit „Respekt“ zu tun hat. Den Moritz zunächst seiner Nachbarin Mary erweist.

 

„Wir können ja selber nie wissen, ob wir im Recht sind“.

Eine Haltung den anderen gegenüber, die in der gegenwärtigen Lage fast schon utopisch wirkt und doch, überzeugend im Roman, wieder zur Grundhaltung werden sollte, damit es mit dem Zusammenleben klappt (welches im Haus selbst auch nicht ohne Spannungen stattfindet, aber, und das ist einer der roten Fäden des Romans, nicht davon abhalten sollte, daran zu arbeiten).

 

Wozu wohl auch die „resolute Seite“ des Lebens gehört.

„Werde an dich denken. Nackt“!

Was Selina, Schauspielring von Beruf und mit Leidenschaft, resolut per SMS mitteilt und sowieso plant, dass alles zu verlassen um zu ihrer Jugendliebe nach Berlin zu ziehen. Kennt man Tim Krohn, dann ahnt man bereits, dass das nicht reibungslos verlaufen wird (wenn überhaupt).

 

Wobei dem „Begehren“ und der „zwischenmenschlichen Anziehungskraft (durchaus direkt körperlich gemeint) dieses Mal durchaus allgemein ein breiter Raum eingeräumt wird.

 

„Muss ich daraus entnehmen, dass du bis heute keinen Gedanken daran verschwendet hast, ob meine Person irgendwelche Gefühle in dir weckt“?

„Und sie nickt“.

Aber Jack hat in Bezug auf Julia nun nicht Verzicht im Sinn.

„Denn zweifellos gibt es auch gute Argumente für eine fleischliche Verbindung“.

Da sät sich was, kann man nur sagen.

 

Während Herr Erich Wyss, wie schon vertraut und bekannt aus den beiden vorhergehenden Werken, vorhat, „für Recht und Ordnung“ (wieder) im Genossenschaftshaus zu sorgen.

 

Und weiterhin gilt, von Band zu Band mehr, dass einem die Charaktere durchaus ans Herz wachsen, trotz einiger Längen oder nicht so unbedingt interessanter Kapitel und Wendungen im Geflecht der Personen.

 

Es ist eine erkennbare Fähigkeit Krohns, sehr, sehr stetig, diese Personen zu entwickeln, ihnen Leben einzuhauchen und sie miteinander Schritt für Schritt in diesem Mikrokosmos der Röntgenstraße in Zürich zu verbinden.

 

 

Durchaus also gelingt, was Krohn sich vorgenommen hat, den Alltag in seinen Emotionen, seinen Charakterzügen und der modernen Lebensweise vielfach zu spiegeln.

 

M.Lehmann-Pape 2018