Bloomsbury 2010
Bloomsbury 2010

Tishani Doshi – Die Glückssucher

 

Glück gibt es nicht geschenkt

 

In den 1960er Jahren war die Welt anders. Sehr viel getrennter und auf keinen Fall globalisiert. Eine Enge, die sich damals noch viel mehr als heute auch in der Abneigung gegen das und die Fremde(n) niederschlug.

 

Vor allem die Geschichte Indiens legte hierzu ein beredtes Beispiel ab. Das englische Protektorat, 1947 durch die Wirkung Gandhis beendet, reichte innerlich noch weit hinein in diese 60er Jahre. So bildet die einerseits geprägte Nähe zu England und die andererseits mit Abneigung betrachteten Engländer eine dynamische Blaupause für Tishiani Doshis Erstlingsroman. Der Geschichte vom Suchen, Finden und Kämpfen um das persönliche Glück zwischen Fremden unter belasteten, äußeren Voraussetzungen.

 

Dem Inder Babo Patel ermöglicht sein Vater, durchaus unter Opfern, ein Studium in London. Allerdings hat der Vater bei seinen Plänen eines bestens ausgebildeten Sohnes die Rechnung ohne des Sohnes Suche nach Glück und ebenfalls ohne die wunderbare Sian Jones gemacht. In diese nämlich verliebt sich der Student in London.

 

Ein stolzer Inder, dessen Volk das große Weltreich England in die Knie gezwungen hat, nachdem es Jahrzehnte unter der britischen Ausbeutung gelitten hat, will eine Engländerin heiraten? Umgehend greift der Vater zur List, um den Sohn zurück zu locken, konfisziert dessen Pass und hält ihn für ein halbes Jahr von allem fern, was mit dieser englischen Frau zu tun haben könnte.

 

Gnädig eröffnet er dem Sohn eine kleine Chance. Sollte nach diesen 6 Monaten die Liebe noch erhalten sein, dann darf er Sian Jones heiraten. Natürlich in Indien, nach indischen Bräuchen und, wie es sich gehört, soll das junge Ehepaar dann für eine geraume Weile im Haus der Eltern leben.

Doch nichts kann Babo und Sian voneinander trennen, schon gar nicht randalierende Väter. So gehen beide den Weg der Annäherung aneinander als Fremde aus verschiedenen Kulturen und überzeugen Schritt für Schritt die von Ressentiments geprägte Verwandtschaft (nicht nur die indische!) von der Möglichkeit einer Annäherung auch untereinander.

 

Tishani Doschi merkt man beim Lesen an, dass ihre Wurzeln in der Lyrik liegen. In bildhafter Sprache (allein schon die Beschreibung der inneren Vorgänge in Babo, als er Sian das erste Mal sieht, ist wunderbar sinnlich geschildert) führt sie ihre Geschichte stringent an ihrem roten Faden entlang und lässt Raum einerseits für genügend Humor, der entsteht, wenn geprägte Welten mit ihren kulturellen Eigenarten in einer Familie aufeinander prallen, andererseits lässt sie an der eigentlichen Geschichte des Fremdseins und sich im Leben mehr und mehr finden nie los. Berührende Momente der Kraft der Liebe, auch Konflikte zu überwinden, finden sich ebenfalls bestens erzählt im Buch.

 

Deutlich wird im Verlauf der Geschichte, wie sehr sich immer wieder der Kreis des Lebens schließt und es eine ständige Aufgabe bleibt, den eigenen Weg auch in der Fremde und auf befremdliche Weise finden zu müssen. Einen Weg, der von inneren und, vor allem, äußeren Katastrophen nicht verschont bleibt bis hin zum poetischen Ende. Empfehlenswert.

 

M.Lehmann-Pape 2010