C.H.Beck 2012
C.H.Beck 2012

Tom Bullogh – Die Mechanik des Himmels

 

Eine Lebensgeschichte

 

Obwohl Tom Bullogh keine sonderlich spannende Geschichte erzählt und obwohl Stil und Tempo seines Buches durchaus gemächlich zu nennen sind, legt er mit der Geschichte des Konstantin Ziolkowski ein schönes, anregendes und besonders im Blick auf die Gestaltung seiner Figuren liebevolles Buch vor.

 

Vom Dezember 1867 an lässt er den Leser teilnehmen am Lebensweg Kontantins. Getrübt durch eine schwere Scharlacherkrankung, die eine hohe Schwerhörigkeit zurücklässt, folgt Konstantin fast zwangsläufig im Buch seiner „inneren“ Stimme und seiner großen Begabung im Blick auf die Physik, auf die Vorstellungskraft und mathematische Betrachtung von Maschinen, für die der Himmel keine Grenze darstellen soll.

 

In den kalten Weiten des östlichen Russland nimmt dieser Weg zunächst seinen Anfang und Verlauf und im Stil Bulloghs wird deutlich, dass es diesem weniger um eine bruchfrei erzählte Geschichte geht. Immer wieder lässt er Momentaufnahmen erstehen, die er teilweise auch durchaus plötzlich wieder abbrechen lässt, wenn das für ihn Wesentliche erzählt ist. Mithilfe seiner vielfachen, sprachlichen Möglichkeiten und der spürbaren Liebe zu seiner Hauptfigur webt Bullogh auf diese Weise eine dichte, real anmutende Atmosphäre eines zurückhaltenden, aber von tiefen, innerem Mut beseelten Jungen und jungen Mannes, der im Schnee dem Wolf trotzt, der auch einem „Meister der Mechanik“ durchaus höflich widerspricht, wenn ihm dessen Pläne und Zeichnungen falsch erscheinen.

 

Konstantin, der zum Lernen, zum Studium nach Moskau geschickt wird, durchaus unter Opfern der Familie, der sein Empfehlungsschreiben verliert und statt an einer Hochschule dann in Eigenregie sich in der Bibliothek fast selbst ausbildet, gemeinsam mit anderen, unter der Obhut des Bibliothekleiters (eine weitere der wichtigen, intensive gestalteten Figuren des Romans). Ein Weg, der mit Härten und Hunger verbunden ist, der ihn zu einem derer werden lassen wird, welche die bemannte Raumfahrt Russlands maßgeblich vorarbeiteten. Und das zu einer Zeit, in der nirgends solche Ideen öffentlich verfolgt wurden.

 

Eine Zeit im übrigen, dies ist eine weitere Qualität des Romans, die Bullogh atmosphärisch dicht zu beschreiben versteht. Die zweite Hälfte des ausgehenden 19. Jahrhunderts in Russland unter der Zarenherrschaft, die Armut und Einfachheit des Lebens, die Entbehrungen, die es kostet, die eigene Familie durch zu bekommen, die Verluste (eine hohe Kindersterblichkeit begleitete die Menschen damals gerade in den unwirtlichen Gegenden Russlands), das alltägliche Leben, all dies lässt Bullogh fast anstrengungslos vor den Augen des Lesers entstehen. Wie nebenbei schildert er die Osterfeierlichkeiten in der kleinen Stadt, zeigt das alltägliche Leben, das Wohnen, den Kampf um Nahrung, die früh gealterten Gesichter der Menschen und die nicht nur räumliche Enge in den Familien auf. Mit Konstantin skizziert er, zeitlos, jene Kraft, die es einem Menschen ermöglicht, sich von all diesem im Inneren nicht beirren zu lassen, den eigenen Traum zu träumen.

 

Die „Mechanik des Himmels“ ist ein atmosphärisch dichtes, schön geschriebenes und seinen Figuren sehr verbundenes „Lebensbild“ und Zeitportrait des zaristischen Russlands mit allen seinen scharfen, sozialen Gegensätzen. Gemächlich und ruhig mit hohem sprachlichem Vermögen erzählt und mit menschlicher Tiefe ausgestattet ein sehr empfehlenswertes Buch für den, der diese gründliche Ruhe im Stil zu schätzen weiß.

 

M.Lehmann-Pape 2012