Berlinverlag 2015
Berlinverlag 2015

Tom Glencross – Barbaren

 

Mit Längen

 

Nur zu Anfang, in der „ersten Runde“, wird der teure Champagner ausgeschenkt, im Nachgang werden natürlich billigere Marken den Gästen offeriert.

 

So ist das bei den Partys und Empfängen der Howe-Deprees. Er Kabinettsmitglied (noch), sie links-intellektuelle Feministin (was man privat am  Frühstückstisch nicht immer merkt).

 

Eine Art des Umgangs mit dem teuren Getränk, dass sich wie ein roter Faden auch für das Leben und feiern und „sich um sich selbst kümmern“ der Protagonisten als bezeichnend wertend kann. Und was auch viele der Persönlichkeiten im Buch durchaus treffend charakterisiert. Dass nicht gehalten wird, was der erste, teure und gebildete Eindruck zu versprechen scheint.

 

Die Fassade, der erste Eindruck, das wirkt souverän, verantwortungsvoll, mit einer festen Meinung ausgestattet. Doch der „Nachgeschmack“ verliert sich in einer Form moderner Dekadenz, die sich Seite um Seite durch die „höhere Gesellschaft“ der Zeit am Ende der Regierung Tony Blairs und dem Übergang zur neuen Regierung hindurch zieht.

 

Glencross verfolgt diese Lebensweise in ihren verschiedenen Ausprägungen anhand von zunächst vier Personen, die unterschiedliche Persönlichkeiten, einen unterschiedlichen Umgang mit den Herausforderungen der Zeit und eine überquer liegende Beziehung zueinander pflegen.

 

Afua, farbige Adoptivtochter der Howe-Duprees ist die Schönheit der Gesellschaft. Klug, gebildet, nicht sonderlich eingebildet und dennoch ein Rädchen im Getriebe, das ihr Vater geschickt in Gang setzt, um ihr eine politische Karriere zu ebnen.

 

Henry, ihr Stiefbruder, wirkt demgegenüber farblos (im wahrsten Sinne des Wortes), nimmt aber ebenso die Verbindungen seiner Familie für erste berufliche Schritte an, wie seine Stiefschwester.

 

Während er für Elizabeth (Buzzy) still schwärmt. Die wiederum als Literatin versucht, zu reüssieren, äußerlich fremd wirkt in der illustren Gesellschaft, heimlich für jenen jungen Mann schwärmt, der Afua im Lauf der Ereignisse ehelichen wird und ebenfalls, im Inneren, eigentlich nur dazugehören möchte (und dementsprechend einen tiefen Stachel der Eifersucht Afua gegenüber doppelt in sich trägt).

 

Aber wirklich bedeutsam, spannend oder wichtig zu wissen ist das Meiste eher nicht, was diese Hauptpersonen mit den auftretenden Nebenpersonen in ihrem Leben so dringend gestalten.

 

Neben diesen vier Protagonisten führt Glencross mit erkennbar differenziertem Sprachschatz und Sprachstil von Beginn an, auf der „Eröffnungsparty“ des Buches, vielfache weitere Personen ein, die immer wieder im Lauf der Erzählung auftauchen (und zu denen weiterhin andere , neue Figuren hinzutreten) und deren verbindendes Element letztendlich die jeweilige Egozentrik und eine gewisse Langeweile am und im Leben darstellt.

 

Eine Art „gepflegter Langeweile“, die auch den Leser überkommt (und in die Glencross den Leser emotional gut mit hineinnimmt), ebenfalls bereits im Verlauf des ersten Empfanges auf den ersten Seiten des Buches.

 

Ausufernd, von immer wieder andern Seiten her, mit prägnanter Bildsprache und vielen Worten beschreibt Glencross den Ablauf dieses Empfanges, der sich letztendlich einfach in Belanglosigkeit und Desinteresse aneinander erschöpft (die Bierflasche, die Buzzy dort öffnet und die eigentliche ein Kunstwerk darstellt, ist da schon der Höhepunkt der Spannung).

 

Sicherlich liefert Glencross sprachlich einen sehr treffenden, modernen, inhaltlich bissigen Gesellschaftsroman eines Englands der „liberalen Moderne“ ab, innerlich aber packt es den Leser nicht unbedingt, immer die gleichen Abläufe, Kunstgespräche, kleinen Karriereplanungen und internen Verflechtungen dieser politischen „High Society“ zu verfolgen. Zudem verwirrt späterhin die schiere Anzahl an Personen, Nebenpersonen und kleinen Ereignissen.

 

Dabei ist zu befürchten, dass Glencross die entsprechende Lebensweise und die mangelnde Tiefe des Denkens und der alltäglichen Gestaltung durchaus realistisch trifft. Spannend ist das nicht und nach einer Weile, trotz der Schwemme an gut gesetzten Worten, auch nicht durchgehend unterhaltsam.

 

Wohl aber bietet Glencross einen sehr präzisen Blick in das Innere jener Klassengesellschaft, die in England grundlegende Tradition besitzt und sich, egal in welcher „offiziellen Gesinnung“ von politisch links bis rechts in gleicher Weise sin den immer gleichen Haltungen selber am Leben hält.

 

M.Lehmann-Pape 2015