Piper 2018
Piper 2018

Tom Hanks – Schräge Typen

 

Erstaunlich gut in jeder Hinsicht

 

Es ist nicht das Wissen um die groß0en Rollen von Tom Hanks und seine je sehr individuelle, prägnante Ausgestaltung mit einem naiven, teils melancholischen, teils doppeldeutigen Humor, tatsächlich ahnt man (mehr als dass man konkret den Finger darauf legen könnte) immer wieder bei den wunderbaren, treffenden, mit Tiefe versehenen und doch so sprachlich leicht daherkommenden Geschichten einen Hauch  „Forrest Gump“, „The green mile“, „Soldat James Ryan“ oder „Castaway“ im Hintergrund der Geschichten, vor allem in der Erzählweise, zu spüren.

 

Und wenn man als Rezensent gewohnt ist, bei der Lektüre hier und da Lesezeichen einzulegen, um später einen Gedanken, ein Zitat, eine Wendung in den Ereignissen für sich „gesichert“ zu haben und stellt dann fest, dass man auf fast jeder Seite solche Lesezeichen hinterlässt, dann wird klar, dass Hanks ein hervorragender und anregender „Erstling“ gelungen ist.

 

Einerseits typisch amerikanisch, wenn es um surfende Väter oder Bowling als Freizeitvergnügen geht. Und dabei einerseits genau dieses „amerikanische“ (bis hin zur detaillierten Schilderung eines klassischen amerikanischen Familienfrühstücks) mit sanftem Humor und ohne moralischen Zeigefinger auch hinterfragt, allein das lohnt die Lektüre schon.

 

Und weitergehend, denn Hanks verbindet mit diesen Motiven seiner Geschichten nicht unbedingt landläufig „schräge Typen“ im Sinne von Sonderlingen, aber „Typen“ die in den Geschichten wachsen, sich selbst finden oder sich selbst treu bleiben und eröffnet damit auch eine existenzielle Thematik der modernen Lebens, die nicht nur am „Mars-Beach“ gelten, sondern überall anzutreffen sind.

 

„Bowling sollte ein Spaß sein. Freude und Lachen nach einer formlosen gesellschaftlichen Abmachung. Wir werfen, wenn wir an der Reihe sind, und niemand achtet besonders darauf, was für ein Ergebnis dabei herauskommt“.

 

Sagt jener Steve, der gerade missmutig vor Kameras gestellt wurde, der einen umwerfenden Rekord von 72 Strikes am Stück hinter sich hat und auch hier, in der Show, im Angesicht von Profi-Bowlern, sensationslüsterner Menge und ohne jeden Spaß sein Soll erfüllen wird.

 

Dann aber geht. Endgültig. Oder doch wieder den Spaß findet? Doch wieder mit den Freunden spielen wird? Oder es nur wegen der Freunde durchgezogen hat? In einer Welt, die immer schneller Reize sucht, Handyfilme erstellt, Hypes generiert und ebenso schnell wieder vergisst, in der nur die Sensation noch zu zählen scheint und der einfache Spaß den verzerrten Gesichtern am Rande gar nicht mehr  zuzutrauen ist, dennoch aber am Rande, in der Anerkennung der Profis vor Ort an diesen Steve, noch ein Hauch des „alten Lebens“, der „Freude mit einem Anderen“ im Raum steht?

 

Legere Sprache, lakonische Scherze, zum tiefen Schmunzeln, wenn der Held der ersten Geschichte von seiner hyperaktiven neuen Freundin zu Dinkelkorn, Proteinshakes, zum Tauchen und vor allem zum Joggen „verurteilt“ wird, der bis dato als Sport betrachtete, vier Maschinen Wäsche laufen zu lassen und dabei den Sportkanal eingestellt zu haben.

 

Oh ja, das Liebesleben ist absolut faszinierend und wie einen Forrest Gump setzt Tom Hanks diese Person scheinbar wie einen naiven „Hinter-Her-Läufer“, der sein bisheriges Leben einfach so hinter sich wirft für die „neuen Anweisungen“. Bis zu jener kleinen Szene, in der er seinen Freunden die Lage erklärt und da der Leser erst merkt, dass der Mann absolut klar im Kopf Bescheid weiß.

 

Wie das eben so ist, das zeigt eine andere der Geschichten auf, die den Kern der ganzen Geschichten im Buch in sich trägt.

 

„Was sind die Betrachtungen meines Herzens“?

 

Was sind die Grundpfeiler der eigenen Person, was bewegt wirklich, was prägt? Und, wenn man das fassen will, aufschreiben, dies sind Dinge, die nicht einer flüchtigen Cloud oder Festplatte anvertraut werden können. Dies sind Dinge, die im Herzen mitgetragen werden durch das Leben und es verdient haben, von einer unverwüstlichen, soliden, mechanischen Schreibmaschine auf Papier verewigt zu werden. Auf einer Maschine, und auch diese Kleinigkeit zeigt die Weite des Denkens von Tom Hanks beim Schreiben, die mit einem kleinen Regler auf einen sanften oder eben brettharten Anschlag hineingestellt werden kann.

 

Je nachdem, welcher Art die „Betrachtungen des Herzens“ sind, die man zu Papier bringt.

 

 

Ein anrührendes, mitreißendes, hervorragendes Werk, in dem die Person des Schauspielers zeigt, dass vieles an seinen Rollen nicht gespielt, sondern ebenfalls Ausdruck seiner selbst war.

 

M.Lehmann-Pape 2018