KiWi 2016
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Tom Hillenbrand – Der Kaffeedieb

 

Sachkundig, abenteuerlich, wunderbar geschrieben

 

Es ist die Zeit, in der auch die Romane von Alexandre Dumas angesiedelt sind (und eines der Motive von Dumas wird auch in diesem Werk in einer hoch gesicherten Festung eine große Rolle spielen).

 

Frankreich als bestimmende Macht auf dem Kontinent, aber nicht mehr unangefragt.

 

Die Handelsnation Holland in ihrer Blüte, die Wirren in England, die Entdeckung der Welt, Musketiere, eine schöne Frau, die oft nicht ist, was sie scheint. Die Entdeckung der „Kaffeehäuser“, in London noch mit „Kaffee vom Fass“, der Feldzug der Türken bis vor die Mauern von Wien.

 

Farbenprächtige Kleidung, ausgeprägte Manieren (vordergründig), Ränkeschmiede (hintergründig).

 

Die „Hoch-Zeit“ der „Virtuosi“, jener Privatgelehrten, die sammeln, die Neues suchen, die Traktate herausgeben, ob in Naturwissenschaft, in Fragen der Weltordnung oder der Kritik an König und Staat. Ebenso eine „Hoch-Zeit“ der Briefwechsel unter den „Viruosi“. Soweit man sich diesen Lebensstil eben leisten kann, seine Tage mit sammeln, nachdenken oder Kaffee trinkend zu verbringen.

 

Eine Zeit, in der Obediah Chalon seine gesamten Mittel auf eine Karte setzt, fest überzeugt, dass diese stechen wird. Wer ahnt schon, welchen unvorhergesehenen weg das Kriegsglück nehmen wird. Mit Folgen für Chalon, die auch physisch schmerzhaft sein werden.

 

Mit einem Angebot, dass er ob seiner Lage nicht ausschlagen kann. Das aber auch sein Interesse, seine Faszination findet.

 

Mitten aus dem mächtigen osmanischen Reich, das seine Rohstoffe hütet wie den eigenen Augapfel, soll er Kaffeepflanzen entwenden. Aus einem schwer zugänglichen Gebiet, bei dem der Fluchtweg die noch größere Herausforderung darstellen wird.

 

Obediah beginnt, ein Team zusammenzustellen und umfassend (und klug) zu planen.

 

Bevor jedoch der Kaffee in Sicht gerät, vergehen fast 2/3 des Buches mit Vorbereitungen, mit bildkräftigen und sehr kundigen Schilderungen der Zeit und der Atmosphäre der Zeit, die Hillenbrand scheinbar mühelos von der Hand gehen.

 

Überzeugende Personen auf allen Seiten, gerissene und kluge „Gegner“, ein interessantes Team, jeweils hervorragend getroffenes Lokalkolorit und zudem faszinierende Erläuterungen der Mächte, der Interessen, der feinen bis groben Diplomatie, der Koalitionen und Gegnerschaften.

 

Ergänzt durch lebendige kleinere Momente (wunderbar nimmt Hillenbrand den Leser am Rande mit hinein in den (allgemein nicht so breit bekannten) Karneval in Neapel), ebenso, wie in den „Orient“ mit seinen Paschas und der damaligen Kraft als Weltmacht.

 

Immer findet Hillenbrand die genau passende Sprache, um die vielen und vielfältigen Szenen und Situationen bestmöglich und auf den Punkt zu schildern. Geschliffene Dialoge gehören hier ebenso zum Handwerk, wie eine einfühlsame und doch auch wiederum herbe Kante zeigende Erotik (die Obediah den Wangen röten wird, und das nicht nur einmal).

 

Mehr Wert auf Breite und detaillierte Darstellung als auf Tempo legt Hillenbrand in diesem Roman, es benötigt Muße, die vielen Facetten zu genießen und sich auf die liebevoll gestalteten Einzelheiten einzulassen. Eine Geduld, die durch die sehr flüssige und passende Sprache Hillenbrands aber nicht langatmig zu werden droht.

 

 

Eine empfehlenswerte Lektüre, die Seite für Seite zeigt, wie unterhaltsam und gleichzeitig lehrreich ein historischer Roman sein kann.

 

M.Lehmann-Pape 2016