DVA 2016
DVA 2016

Tom McCarthy – Satin Island

 

Assoziativ

 

Tom Macarthy folgt in seinem neuen Werk nicht unbedingt ausgetretenen Pfaden. Schon anders als gewohnt ist es, sich auf diese (kaum wirklich vorhandene Geschichte) durchgehend einzulassen.

 

Was daran liegen könnte, dass diese „Geschichte von Allem“, die der Ich-Protagonist des Buches von Seiten seines Arbeitgebers als zu verfassenden „Auftrag“ erhält, sich nicht nur im Buch selbst als „unmöglich zu schreiben“ herausstellen wird.

 

Der Anthropologe, der sich nach Erhalt des Auftrags erstmal auf Recherche begibt, der erfolglos überhaupt einen Anfang „von all dem“ v ersuch, in die Hände zu bekommen, stellt von Beginn an fest, dass eben so vieles sich miteinander vermischt, quasi schon per Stichwortanschluss das eine zum anderen führt (ohne großen inneren Zusammenhang), das man zwar dem Einzelnen immer wieder nachgehen, nachhängen kann, aber eben nicht zu einem gerahmten, geschlossenen System am Ende vordringt.

 

Am Flughafen sitzend, auf den Flug wartend, beobachtet die Hauptfigur, man könnte sagen, mit „offenen Sinnen“. Und sinniert über „Mythen“, die Menschen brauchen, wie das „Turiner Grabtuch“ (das wissenschaftlich erwiesen nicht echt sein kann), und dann sitzt er vor einigen Jahren da, mäandert durch soziale Netzwerke „voller Nichtigkeiten“, die vielleicht auch nur so wirken, als wären sie nichtig (je nachdem, was man für die relative Bedeutung der Nachrichten als Bezugsgröße wählt), die aber eben auch die Welt ausmachen können, je nach Betrachtung.

 

So kommt er über das Grabtuch zu den „Drehkreuzen“, wörtlich im Flughafen und für den Flughafen selbst als „Drehkreuz“, liest etwas über die „Freilaufnarbe“ und findet sich in Erinnerungen an sein erstes Fahrrad mit eben einer solchen wieder. Eben wie auf den Bildschirmen um ihn herum, Sportereignisse, Ölkatastrophen, wirbelnde Menschen sich zu einer Gleichförmigkeit in der Form vermengen, bei denen die Form den Inhalt überlagert.

 

„U.“ stellt sich der Mann dem Leser einige Seiten weiter vor.

 

Und hier liegt wohl der Schlüssel zum Verständnis des „Berichtes von allem“.

 

Denn vor allem von sich erzählt der Mann. Und da er im Wortspiel eigentlich „Mein Name ist „Du““ sagt (U. = phonetisch „you“), verweist McCarthy umgehend auf den Leser selbst als Protagonisten des Romans.

 Der sich auf mindestens drei Ebenen aufgliedert. Der Auftrag zum Bericht und die vermeintliche Arbeit an diesem, die assoziativen Erinnerungen und Eindrücke für „U.“ im Buch und die beim Leser entstehenden Querverbindungen zu eigenem Erleben vielleicht und neue Gedankenwanderungen zu andren Ereignissen außerhalb des Buches selbst, die wiederum alles in allem zeigen und alles mit allem verbinden.

 

Ein „Mitmachroman“ somit auch. Der es aufgrund der kühlen Distanz seiner Hauptfigur und des mangelnden roten Erzählfadens dem Leser oft nicht einfach macht, eine innere Spannung gegenüber den Ereignissen im Buch aufzubauen.

 

„Ich für meinen Teil blieb sitzen und sah die Bohrinsel krängen, die Vögel herumflattern, die kaputte Leitung speien, das dunkle Wasser auf den Höchststand anschwellen, immer wieder“.

 

„Wir handeln, wie Peyman es ausdrückt, mit Narrativen“.

 

Und das bietet McCarthy Seite für Seite an. Narrative, oft ohne Relation und Bewertung, so dass der Leser sich dem aussetzen kann. In feiner Sprache abwartend, was dies auslösen mag, beim Leser, aber auch bei „U.“, der seine Sicht auf all die Dinge zur Verfügung stellt, ohne ein verbindendes Ganzes daraus abzuleiten.

 

Auch die Erotik bleibt seltsam fern.

 

„Als ich bei Madison war, hatten wir Sex. Danach lagen wir im Bett“. Und eine Unterhaltung entfaltet sich über Erinnerungen. An den Turiner Flughafen. Womit wieder eine Verbindung erschlossen wäre, die dennoch zunächst nicht von Bedeutung scheint.

 

 

Sprachlich versiert, in der assoziativen Kette all dessen, was passiert, passiert ist und wie es sich scheinbar belanglos verbindet, wird jener Leser das Buch als Gewinn empfinden, der die differenzierte Sprache zu schätzen weiß und sich erinnern lassen möchte, wie Kleinigkeiten Bedeutung haben können und „große Dinge“ wenig Nachhall erzeugen, aber sich alles mit allem im eigenen Kopf verbindet. Was als Roman nicht einfach und nicht ohne Irritation zu lesen ist.

 

M.Lehmann-Pape 2016