dtv 2014
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Tom Rachmann – Aufstieg und Fall großer Mächte

 

Suche nach der eigenen Vergangenheit

 

In der Buchhandlung „Am Ende der Welt“ (World´s End) lebt Tooly Zylberberg mit ihrem Angestellten Fogg gemächlich vor sich hin. Finanziell defizitär zwar, aber dafür ganz in Ruhe in diesem kleinen Dorf Caergenog in Wales direkt hinter der englischen Grenze.

 

Doch der Schein des Gemächlichen trügt, zumindest, was das Innere von Tooly angeht.

 

Denn genauso wenig, wie Tooly äußerlich dem Bild einer modernen jungen Frau entspricht (die Kleidung eher zusammengewürfelt, die Haare praktisch kurz, Schmuck keiner und auch sonst keine Form des „Putzes“), so wenig entsprich ihr Inneres einem „normalen“ Werdegang. Ehrlich gesagt, Tooly weiß gar nicht so recht um ihre eigene Lebensgeschichte. Klar, Erinnerungen sind da an konkrete, jeder und jede für sich sehr eigene, Personen. Aber wie das alles zusammenhängt, das ist ihr selber nicht ganz klar.

 

Diese Idee ihres Angestellten, wie interessant das wäre, wenn das ganze Leben eines Menschen von Beginn an auf einem Chip gespeichert werden würde, so dass man es jederzeit in Gänze ansehen könnte, „und wenn man alt wird, kann man die besten Szenen zurückspulen“.

 

Doch Tooly ist da anderer Meinung. „Irgendwann musst du dich darauf verlassen, dass dein Hirn das wichtigste behält“. Aber ist das bei ihr so? Kann sie sich auf ihr Hirn verlassen?

 

Wohinter sich natürlich Rachmanns Grundfrage versteckt, wer man eigentlich in Wahrheit ist und ob die Erinnerungen nicht hier und da trügen, zumindest die falschen Schlüsse leicht ziehen.

 

Eine Nachricht erreicht Tolly. Von einem Mann aus der Vergangenheit. Den sie auf die ihr eigene, sehr merkwürdige Weise 1999 kennenglernt hat und der nun, aus dem Nichts heraus, behauptet, ihren Vater zu betreuen. Und ob Tolly diesen nicht sehen möchte?

 

Durchaus. Nur dass dieser Humphry nicht ihr wirklicher Vater ist. Biologisch. Aber dennoch intensiv ihre Entwicklung mit geprägt hat. Zu einer bestimmten Zeit.

 

Einer Zeit, in der Tooly sich drei merkwürdigen Menschen anschloss und bis zum Jahre 2000 bei diesen blieb. In der ein oder anderen Form, denn Sarah war eine Frau „immer auf dem Sprung“, Venn ein ungeheuer faszinierender, sich aber wenig festlegender Mann und Humphry einer, der sich am Ende intensiv um Tooly kümmerte, aber eben auf seine Weise, die eher ein Leben in Büchern war denn ein „“Leben im echten Leben“.

 

Wer aber ist  denn nun wirklich „ihre Familie“? Wie kam es zu diesem zerrissenen Lebensweg?

Wer ist jener „Paul“, der 1988 in so seltsam distanzierter Weise ihren Vater darstellte?

Wo ist Venn abgeblieben?

Warum spricht dieser alte Mann, Humphry, im Jahre 2011 so ohne Akzent, der doch früher nur mit russischer Zunge radebrechte?

 

Menschen, die plötzlich verschwunden waren, die keine Nachsendeadresse hinterließen, deren Geld (im Falle von Venn) noch Jahre für Tooly zur Verfügung stand, dann aber versiegte?

 

So schält sich, wie von Rachmann gewohnt, sprachgewaltig und bilderreich, ganz langsam das Bild einer verlorenen Seele aus den Seiten des Buches.

Eine Frau, die sich antrainiert hat, die keine andere Möglichkeit fand, als in große Distanz zu „den anderen“ existieren zu können und die doch Nähe, sich selbst sucht.

 

Wobei allerdings die Lektüre des Buches Geduld erfordert. Vielen Verzweigungen und Assoziationen geht Rachmann zunächst nach, das gesamte Setting wirkt ebenso bis fast ans Ende des Buches einfach surreal, ein solch merkwürdiges Verhalten zeigen die Menschen um die damals heranwachsende Tooly herum.

 

Ein Puzzle, das Rachmann auf drei Zeitschienen erzählt. 1988, die Kindheit mit Paul, dann die Jahre als junge Frau mit den drei „Betreuern“ und zu guter Letzt die Gegenwart, in der Tooly sich als erwachsene Frau auf die Suche nach der eigenen Vergangenheit macht. Die vielleicht gar keine eigene Vergangenheit ist, falls Paul gar nicht ihr wirklich Vater gewesen ist. Und wo, wenn, wäre ihre Mutter?

 

 

Sprachlich hervorragend erzählt mit viel Sinn für skurriles Leben einerseits und innerer Sehnsucht nach einer eigenen „Ganzheit“ erzählt Rachmann eine interessante Geschichte flüssig, aber teils zu ausufernd und zu verwirrend in der dichtgedrängten Abfolge vieler kleiner Geschichten und Erinnerungen. In den vielfachen Ausblicken auf die großen Veränderungen der Zeit (und der Mächte) selbst in den Jahren 1988  bis 2011, denen die (teils extremen) Entwicklungen der Figuren im Buch auf ihre Weise mit ebensolchem „Aufstieg und Fall“ entsprechen.

 

M.Lehmann-Pape 2014