Goldmann 2012
Goldmann 2012

Tom Sharpe – Henry haut ab

 

Nachhilfe auf Henry Art

 

Schon seit Mitte der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts lässt Tom Sharpe in regelmäßigen Abständen seinen Henry Wilt auf dessen unmittelbare Umgebung (und die geneigte Leserschar) los. Nicht, dass Henry böswillig wäre (auch wenn er ein gerütteltes Maß obszöner Ausdrücke und Lebensfrust in sich trägt), aber immer wieder gerät Henry in Situationen, die in sich noch nicht einmal besonders wären, in denen er aber in einer Art und Weise agiert, mit der das Chaos vorprogrammiert ist.

 

Gesegnet mit einer leicht dumpfen, nichtsdestotrotz äußerst fordernden Ehefrau und vier ebenso rein auf sich fixierten Töchtern hat Henry Wilt im neuen Roman zunächst Grund zum feiern. Seine Stelle als Dozent für Kommunikation wird nicht gestrichen, auch wenn ein gewisser, einflussreicher Teil des Kollegiums beständig zwischen bleich vor Wut und rot vor Zorn in der Gesichtsfarbe schwankt, so Henry Ihnen über den Weg läuft.

 

Nachdem er nach jener denkwürdigen Feier im kleinen Kreis zumindest doch die Haustür geöffnet bekommt (nach langem Zögern Evas, seiner Frau und unter Einbeziehung der Nachbarschaft in diese peinliche Situation), wartet das nächste Ungemach auf ihn. Eva hat ihm eine Ferienstelle als Nachhilfelehrer auf einem Landgut verschafft. Und achtet darauf, dass er beim Kennenlerngespräch in ihren Augen eine beste Figur macht, vom Scheitel bis zur Sohle. Allerdings nur nach ihrem Geschmack, wie Henry zu seinem Leidwesen wieder einmal erleben muss. Aber er wäre eben kein rechter Maulheld, wenn er sich tatsächlich mit Taten auch einmal wehren würde, statt nur mit entsprechenden Verbalattacken sich zu begnügen.

 

Andererseits, nach einem ersten Eindruck auf die Lady des Landgutes und Mutter des faulen Schülers schwant Henry, dass der Job gar nicht so unangenehm werden könnte (und täuscht sich durchaus, das aber später).

Während sich eine ganze Reihe altbekannter Figuren auf den ersten Seiten wieder versammeln und den Rest der Geschichte begleiten werden, nimmt so eine neue Wendung in altbekannter Henry-Manier ihren Lauf.

 

Trotz der Jahrzehnte, die Tom Sharpe inzwischen sich und die Welt mit Henry Wilt unterhält, sein Humor und sein Erfindungsreichtum, was ganz spezielle und absolut trocken geschilderte Situationen angeht, wirkt immer noch frisch. Selbst der Henry Kenner, der mit Stil und Abläufen der Romane durchaus vertraut ist, kann sich der oft gnadenlos ausgereizten Situationskomik nicht entziehen. Allein schon die prägnante Schilderung des Wiltschen Sexuallebens, die „Umsetzung“ dessen, was Eva Wilt von ihren Freundinnen als „ultimativen Tipp“ gesteckt bekommen hatte lässt kein Auge trocken, auch nicht das der vier Töchter, welche die Szenerie hautnah miterleben (aufgrund des Lärms, den Henry nicht vermeiden kann ob der schmerzhaften Erfahrungen, die jene Praktiken für ihn bedeuten).

 

Sprachlicher Witz und sprachliche Qualität paaren sich mit ständig aus dem Ruder laufenden Situationen im Buch, ein Erfolgsrezept, was nun fast 40 Jahre schon trägt. Es sei aber nicht verschwiegen, dass sich doch im Gesamten für jene Leser, die Tom Sharpe seit längerem bereits kennen, gerade im Blick auf die Figur des Henry Wilt, so langsam  doch auch eine Gewöhnung einstellt. Ganz so mitreißend und ganz so anders wie in den Anfangsjahren wirkt all das nicht mehr, auch wenn es weiterhin gute und witzige Unterhaltung darstellt.

 

M.Lehmann-Pape 2012