Knaus 2010
Knaus 2010

Tracey Chavalier - Zwei bemerkenswerte Frauen

 

Starke Frauen

 

Nach ihrem großen Erfolg „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“, in dem bereits historisches mit fiktivem aufs Beste vermischt wurde, legt Tracy Chavalier nun mit „Zwei bemerkenswerte Frauen“ im nachempfinden historischer Tatsachen ihren neuen Roman vor.

 

Im Blick auf Mary Anning und Elizabeth Philpot wendet sie sich zwei starken und durchaus einflussreichen Frauengestalten des 19. Jahrhunderts zu, die über lange Zeit gerade ob ihres speziellen Interessensgebietes im Rahmen der Naturwissenschaften bekämpft und, letztlich, totgeschwiegen wurden. Die Geschichte der beiden Fossilienforscherinnen hat Tracy Chavlier in eine überaus flüssige und runde Romanform gebracht, in der sie natürlich ganz eigene Wege mit den historisch belegten Personen geht.

 

Elizabeth verlegt aus finanziellen Gründen ihren Wohnsitz im Jahre 1830 nach Lyme Regis in Südengland. Dort wird ihr Interesse für Fischfossilien geweckt, die am Strand zu finden sind. Aufgrund dieses Interesses lernt sie Mary kennen, die, im Gegensatz zu Elisabeth, mit dem Verkauf dieser Fossilien den Lebensunterhalt für sich und ihre Familie verdient und die Versteinerungen daher keineswegs nur als Hobby betrachtet. Eine Freundschaft entsteht, aber auch ein zunehmend profundes Wissen über Fossilien und damit das noch neue Wissensgebiet der Evolution. Ein Wissen, dass in den männlich dominierten Wissenschaftskreisen nicht gerne gesehen wird.

Doch die zunehmende Freundschaft der beiden Frauen und ihr verbindendes, gemeinsames Interesse wird auf eine harte Probe gestellt, als sich beide in denselben Mann verlieben, den intelligenten und schneidigen Lieutenent-Colonel Thomas James Birch, Sammler seltener Fossilien.

 

Eingebettet in die Handlung des Romans und die wohl eher fiktive Liebesgeschichte der beiden Frauen um James Birch herum gelingt Tracy Austin ein detailgenauer Blick auf die Vernetzungen und Verschlossenheit einer wissenschaftlich-naturwissenschaftlichen Welt des frühen 19. Jahrhunderts und die damals aufkommende, die Evolution stärkende und das vorherrschende christlich-biblische Naturbild erschütternde Fossilienkunde. Vermittels ihrer großen Stärkre in der Herausarbeitung von Figuren tragen die beiden Protagonisten durchaus mit Tiefgang die Geschichte. Die beginnende und sich, letztendlich, bewährende Freundschaft, aus der sich eine tiefe, stillschweigende Verbindung zwischen den Frauen heraus entwickelt, der Weg von versteinerten Fossilien am mehr hin zu wissenschaftlichen Entdeckungen, die Anfeindungen, die mehr und mehr in den Raum treten, all dies nimmt Tracy Chavalier auf und verknüpft es mit den fiktiven Erweiterungen der gemeinsamen privaten Geschichte zu einem runden Ganzen.

 

Flüssig zu lesen, historisch weitgehend die Atmosphäre der damaligen Zeit getreu wiederspiegelnd, gibt das Buch einen überzeugenden Einblick in die ehemals verknöcherte englische Klassengesellschaft, die allein schon die Freundschaft der beiden Frauen von so unterschiedlichem Stand kritisch betrachtet. Ebenso überzeugt die Schilderung der Freundschaft, die unter ungünstigen Voraussetzungen beginnt und in der Suche nach Anerkennung durch die Männergesellschaft der damaligen Zeit auch im weiteren Verlauf dann wieder Belastungsproben unterzogen wird.

 

Spannende Themen, die Tracy Chavelier anregend umzusetzen versteht.

 

M.Lehmann-Pape 2010