Knaus 2013
Knaus 2013

Tracy Chevalier – Die englische Freundin

 

Quäker, Sklaven und Auswanderung

 

Ihre eigenen Kindheits- und Jugenderfahrungen im „Quäker Camp“ lässt Tracy Chevalier erkennbar mit einfließen in diesen neuen, historischen Roman.

So ergibt sich für den Leser der ein oder andere fundierte und interessante Einblick in diese Glaubensgemeinschaft und deren Entwicklung in Amerika, der durchaus mit neuen Erkenntnissen versehen zu lesen ist.

 

Wobei Chevalier zudem eine innere „Glaubensspannung“ zwischen Liebe und religiöser Überzeugung aufbaut, in dem sie ihre Protagonistin Honor sich hingezogen fühlen lässt gerade zu einem „Sklavenjäger“, somit also zur „bösen Seite“ jener, die Menschen wie Vieh behandeln. Was wiederum mit der Haltung der Quäker nicht zu vereinbaren lässt.

 

Eine Spannung, die allerdings nicht bis ins letzte Drama hinein im Buch vertieft wird, dazu ist dieses Buch dann doch zu sehr auch ein klassischer Liebesroman (wenn auch unter widrigen Umständen für längere Zeit).

 

Warum nun allerdings Honor mir nichts dir nichts sich mit ihrer Schwester auf ein Schiff schwingt, um von Britannien aus nach Amerika auszuwandern, das steht doch auf leicht tönernen Füßen direkt zu Beginn des Romans.

Liebeskummer, das mag durchaus eine treibende Kraft sein, aber für jemanden, der sich überhaut nicht vorstellen kann, in Holzhäusern zu leben (als Bild für ihre doch enge Heimatverbundenheit) und ebenso als jemand, die noch nie auf einem größeren Schiff war, einen Heidenrespekt vor der Reise hat und umgehend und durchgehend seekrank wird, all das lässt doch Fragen nach der Motivation der jungen Frau offen.

Sich einem eigentlich unbekannten Mann als baldigem Schwager im fremden Ohio anzuvertrauen, all das überzeugt zunächst als Rahmenhandlung wenig.

Übrigens auch nicht in Bezug auf Honors Schwester, der treibenden Kraft der Auswanderung, die aus reiner „Unternehmungslust“ alles hinter sich lässt für einen „langweiligen, älteren Ehemann“, den sie erst einmal gesehen hat.

 

Dennoch, mit ihrem flüssigen Stil und ihren prägnanten Beschreibungen von Land, Leuten und herrschender Atmosphäre gelingt es Chevalier auf Dauer dann doch, den Leser mit hinein zu nehmen in diese Geschichte eines Neuanfangs, des „Leidens in der Fremde“ und unter den dortigen harten Bedingungen. Die innere Entwicklung Honors lässt sich dabei im Buch gut an den Briefen ablesen, welche die junge Frau in die Heimat sendet. Eine Frau, die zunächst zurückhaltend agiert, die ihre starke Persönlichkeit aber im Lauf der Ereignisse entwickelt und mehr und mehr auch zur Geltung bringt, durchaus mit Gefahren für sich selbst.

 

Insgesamt ein flüssiger und die Atmosphäre der Zeit (und der Quäker jener Zeit) gut treffender Roman, der allerdings nicht unbedingt in die Tiefen der Reibungen geht. Am Ende geht doch alles zu glatt, um wirklich zu fesseln. Dennoch bietet Die Geschichte um Liebe, Glaube und das Fuß fassen in Amerika zu jener Zeit eine solide Unterhaltung, wenn auch nicht mehr.

 

M.Lehmann-Pape 2013