Hoffmann und Campe 2013
Hoffmann und Campe 2013

Tuomas Kyrö – Bettler und Hase

 

Die Kälte des Lebens in der Gegenwart

 

Schon nach den ersten Seiten wird deutlich, dass dieser neue Roman von Tuomas Kyrö völlig zu Recht zunächst in Finnland ein Bestseller war und ist. In einer ganz eigenen Sprache, die von den ersten Zeilen an eine ganz eigene, präzise Atmosphäre schafft, führt Kyrö den Leser an der Seite seiner Hauptfigur Vatanescu durch eine moderne Welt, die einander eher kühl gegenübersteht, wo „alte Werte“ der Solidarität, des Mitleids, der Menschlichkeit nur mehr vereinzelt (und selbst da auch brüchig) anzutreffen sind. Wo das Gros der Menschen in (durchaus zutreffende und treffend auf den Punkt gebrachte) Stereotype einzuordnen ist.

 

Eine Welt, die zunächst gemildert scheint durch die teils ironischen Wendungen und Umschreibungen, die Kyrö oft benutzt, bis der Leser feststellt, dass hinter manch ironischer, teils fast surrealer Wendung doch Zynismus zum Vorschein gelangt und das, was da passiert, auch durch weitschweifige Stilmittel nichts von seiner bedrückenden Realität verliert.

 

Gut, dass als Gegenpol jener Bettler Vatanescu, keine Aussichten, nichts, das er wirklich sein eigen nennen könnte, zu Beginn stumpf ertragend, Schritt für Schritt wie „aus dem Nichts heraus“, Mut fasst, sich wehrt, einen eigenen Weg mühsam sucht. Auf einer Durchstreifung Finnlands. Mit Erlebnissen und Beobachtungen, die in dieser Form aber nicht auf das konkrete Land festgelegt sind, sondern überall im „westlich zivilisierten Europa“ so oder ähnlich geschehen würden.

 

„Während der Fahrt hielt Vatanescu die Hand seiner schlafenden Schwester. „wenn ich könnte, würde ich dich beschützen. Aber zuerst muss man auf sich selbst aufpassen“.

Seine Schwester, die „saß auf ihrer der einzigen Handelsware“.

 

Eine russische Bettler- und Schlepperbande ist es, der sich der Rumäne Vatenscu mit seiner Schwester anschließt. Die Schwester, die weiter gereicht wird, um reichere Männer mit ihrer „Handelsware“ zu beglücken und Vatanescu, der als „professioneller Bettler“ in Finnland mit seinem Becher auf dem Marktplatz kniet. Einmal am Tag ein Toilettengang, Kost und Logis frei (alte Konserven und verranzte Wohnwagen), keine Sozialleistungen, natürlich.

Der sich freimachen wird mit aller Restenergie, die er noch hat. Und der auf seiner Reise durch Finnland mit einem Hasen auf alle möglichen Menschen in allen möglichen Lebensumständen trifft. Menschen, deren Geschichte Kyrö je komprimiert erzählt, Menschen, von denen die wenigsten (und dann eher die Ärmeren) ihn als Menschen betrachten. Aus Geschäften zumindest wird er direkt entfernt, trotz des Geldes, das er vorzeigen kann.

 

„Wir suchen uns unsere Kunden aus!“. Bekommt er zu hören.

 

Ob das übrigens wirklich so ist? Das man sich erst einmal um sich selbst kümmern muss? Oder ob Vatanescu, inspiriert durch einen Hasen, nicht doch lernt, dass innere Freiheit auch mit der Zuwendung und Sorge für andere zu tun hat? Das wird nämlich passieren, die „Pflegschaft eines Hasen“. Wobei Vatanescu an sich bereits auf seinen Weg gebracht wird durch seinen Wunsch der Sorge. Seinem Sohn gegenüber.

 

„Denn die Aufgabe eines Vaters besteht darin, seinem Kind ein besseres Leben zu garantieren, als er selber es hat“.

 

In teils urkomischen Wendungen, mit harten, aber auch wunderbaren Begegnungen macht sich nun Kyrö durch seinen Vatanescu auf, die Welt aus seinen ganz eigenen, schlichten Augen zu betrachten und teils schmerzlich treffende Schlüsse vor Augen zu führen. Ebenso, wie, oft und oft, von Seiten Hilfe ihm zukommt, die er vorher nicht im Blick gehabt hätte (wie das kleine Mädchen, dass seinen Eisstiel und ein Schuhband zur Verfügung stellt, damit dem Hasen geholfen werden kann, was die Ambulanzschwester bei aller Menschenfreude völlig verweht ob ihrer Tierphobie).

 

In Duktus und Stil, in der ironisch verdrehten Erzählweise, aber auch im Motiv der Reise und den klaren Blick auf Menschen erinnert der Roman durchaus in bester Weise an den „Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand“, auch wenn Vatanescu eine ganz andere „Lebensreise“ im Roman absolviert.

 

Alles in allem eine verdrehte, wunderbare Geschichte, sprachlich ganz hervorragend umgesetzt, mit vielen, nachdenkenswerten Begegnungen und teils wie ein Spiegel einer Gesellschaft, in der die Mitmenschlichkeit nur mehr ganz am Rande anzutreffen ist. Aber doch gefunden werden kann.

 

M.Lehmann-Pape 2013