dtv 2013
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Ulrich Woelk  Was Liebe ist

 

Wie die Vergangenheit die Gegenwart formt

 

Das Hauptthema dieses neuen Buchs von Ulrich Woelk ist die enge Verflechtung der gegenwärtigen Personen mit dem, was ihre Vergangenheit ausgemacht und geprägt hat und wie dieses die Gegenwart der Beziehungen verändert, sobald es bekannt wird.

Eine Linie, die Woelk an mehreren Fäden aufzieht, die in den Protagonisten in der ein oder andern Form sich verbinden. Verbindungen im Übrigen, die sich bei vielen der auftretenden Personen erst nach und nach, in der „Hauptgeschichte“ gar erst ganz zum Schluss, dem Leser in Gänze erschließen.

 

Vater und Großvater Roland Zieglers, der männlichen Hauptfigur des Romans, sind mit verstrickt in die Frage der Zwangsarbeiter im dritten Reich. 1999, das Jahr, in dem der Roman beginnt, ist auch das Jahr, in dem Kanzler Schröder mit der Wirtschaft einen Weg sucht, den Klagen überlebender Zwangsarbeiter in den USA zu begegnen und Roland Ziegler ist in Berlin, um an einer Konferenz zum Thema teilzunehmen.

 

Ein Erzählfaden, der zunächst etwas zusammenhanglos in der aufflammenden Liebesgeschichte zwischen Roland  und der Berliner Jazz Sängerin Zoe wirkt. Aber ein historisches Geschehen, das durchaus sein Gewicht noch haben wird, auch in der Lebensgeschichte Rolands, ein massives Gewicht sogar für diese neue Liaison mit Zoe.

 

Ein historischer Blick, der neben die „innere“ Geschichte tritt. Roland ist Epileptiker, ist als Junge von seiner Mutter verlassen worden, die sich damals ohne weitere Begründung von seinem Vater trennte und nie mehr gesehen war. Auch wenn er als Miteigentümer der alten Firma materiell gut versorgt ist, auch wenn er durchaus als attraktiv zu bezeichnen wäre, die Liebe lässt er nicht wirklich an sich heran. Als so traumatisch Verlassener und Epileptiker.

 

Aber Zoe kann er kaum widerstehen. Vielleicht noch angestachelt durch den weit älteren Lebensgefährten der jungen Frau, der in aufgesetzter Souveränität beständig damit beschäftigt ist, sein Revier zu markieren, sprich, allen zu zeigen, dass Zoe die Seine ist.

 

Als Roland Berlin wieder verlässt, um nach Holland zu einer Tante zu reisen, begleitet Zoe ihn spontan und Liebe und Leidenschaft nehmen ihren Lauf. Für eine Woche. Doch unerbittlich nähern sich die losen Fäden der Vergangenheit und mit dramatischen Wendungen erfährt Roland (und der Leser), das eine „Liebe im Vakuum der Zeit“ nicht möglich ist. Zur echten Liebe gehört auch das Wissen um die Geschichte des anderen.

 

„Aber unter der Oberfläche gab es etwas, das wir nicht gesehen haben oder nicht sehen wollten: die Vergangenheit“.

 

Ein Gedanke, der im Übrigen von Woelk noch einmal für eine ganz andere Wendung zum am Ende des Buches nutzt. Da, wo man um die gegenseitige Vergangenheit gut weiß. Da ist anderes möglich dann doch.

 

In klarer und einprägsamer Sprache erzählt Woelk seine Geschichte, hier und da vielleicht etwas zu sachlich wirkend, dafür aber mit Finesse. Erst im Nachhinein erschließen sich gesetzte Hinweise als solche, die auf mehr deuten, als es den Anschein hat. Der Hintergrund der Aufarbeitung der Zwangsarbeiterproblematik allerdings wirkt doch zu ausführlich beleuchtet und als Begründung für manche Geschehnisse zu konstruiert.

 

Alles in allem ein ruhiger, wunderbar zu lesender und bildkräftiger Roman, der mit gewissen Übertreibungen (und hier und da zu erhobenem Zeigefinger) seine Grundidee der Bedeutung des Wissens um die Geschichte des anderen (und seiner eigenen) für die Liebe lesenswert in Szene zu setzen vermag.

 

M.Lehmann-Pape 2013