S.Fischer 2014
S.Fischer 2014

Uwe Kolbe – Die Lüge

 

Kühl beobachtet und differenziert erzählt

 

Wirklich warm wird man im Lauf der Lektüre nicht unbedingt mit den Protagonisten, das kann man vorweg betonen.

Was nicht nur daran liegt, dass weder Hadubrand, aus dessen Perspektive Kolbe die Geschichte erzählt, noch dessen Vater (der die zweite, wichtige Rolle im Buch einnimmt) als Sympathieträger zu bezeichnen wären, sondern auch an der ebenso kühl wirkenden Erzählweise Kolbes.

 

„„Hast Du das wirklich getan?“ „Ja“, sagte ich, stumm in meinem Sessel sitzend, der noch knackend nachgab unter meinem Hintern. „Du redest nicht nur wieder mit deinem Vater, sondern berichtest ihm brühwarm……….“ Mit fiel keine Erwiderung ein“.

Auch weil da wenig innere Resonanz für Hadbubrand zu spüren ist auf diese Vorhaltungen hin.

„Was soll´s“ wäre vielleicht eine Art Überschrift seine innere Reaktion auf all das, was menschlich um ihn herum vorgeht.

 

Was Hadubrand konkret getan hat, erschließt sich von Beginn an umgehend aus der Rahmung des Romans und der Zeit, in der Kolbe seinen Roman spielen lässt.

 

DDR Zeit ist. Zeit der Spitzel, der umfassenden Ausspähung der Bürger. Eine Haltung und Tätigkeit, der sich Hadubrands Vater sehr erfolgreich verschrieben hat. Ohne größere Skrupel in all den Jahren.

 

Wer nun gedacht hätte, ein Vater-Sohn Konflikt im klassischen Sinne würde entstehen, ein sich Verwehren des Sohnes gegen die Schweinereien des Vaters, ein Kampf um aufrechte Werte würde auf den gut 380 Seiten des Romans stattfinden, der wird bald eines besseren belehrt werden. Hadubrand, Musiker „mit Talent“, sucht seinen Weg in diesen Strukturen mit durchaus ähnlichen Mitteln, wie sein Vater.

 

Er, der die „Arbeitermusik der frühen Jahre des antifaschistischen Kampfes durch den Kakao zieht“ (in den Augen der Oberen), wird schon Mittel und Wege finden, sich in diesem Umfeld zu behaupten. Genauso ohne Skrupel (auch im Privatleben), wie er es „zu Hause“ gelernt hat.

 

Ein zu Hause, welches ihn  in gewisser Form einholt, denn sein Vater, seit langen Jahren räumlich entfernt, mit einer Vielzahl späterer Beziehungen beschäftigt gewesen, dennoch den Draht zum Sohn haltend, rückt wieder deutlich  näher.

 

Sentimentale Vaterliebe des bald siebenundsiebzigjährigen am Ende der Tage? Oder gezielte Annäherung an den Sohn und dessen sich entfaltender Karriere? Eine nicht nur äußere Karriere im Rahmen der Musik, auch in ganz anderer, für die Außenwelt versteckter, Art und Weise tritt Hadubrand in die Fußstapfen seines Vaters und geht auch dort verdeckt seinen Weg, ohne allzu viel Gewissenbisse oder gar moralische Problematiken. Erst einmal.

 

Alles Dinge, die Hadubrand jongliert und austariert, meint er. Selbst seine Ehe, die ansteht, die kommenden „Vaterfreuden“, all das rührt ihn in merkwürdiger Weise kaum innerlich an, gleitet vorbei und voran und wird zum Ende hin einfach ganz pragmatisch gelöst.

Wobei noch einmal die unlösbare Verbindung zum Vater, auch über manche Frauen hin, intensiv deutlich wird.

 

Eine Geschichte voller Egomanie, Täuschungen, Lügen und skrupellosem Verfolgen der eigenen Interessen ist es, die Kolbe zum Thema seines ersten Romans gewählt hat und die er in klarer, fließender Sprache erzählt. Aber es dem Leser dennoch nicht einfach macht, sich in dieser Geschichte seine Anknüpfungspunkte zu suchen in all der Kühle und der auf Dauer eher abstoßenden Charaktere. Die gar nicht unbedingt gezielt „böse“ agieren, sondern einfach sind, wie sie sind. Nur auf sich bezogen.

 

Charaktere, in denen sich allerdings wahrscheinlich viel mehr vom „wahren Leben“ und den „wahren Haltungen“ der Menschen widerspiegelt, als in Bildern von ehrlichen, aufrechten, „guten“ Protagonisten in so vielen anderen Geschichten. Und bei denen es kaum nur um „die Lüge“ geht, sondern um „Lügen“ in vielfacher Form.

 

Die in dieser verdeckten Form, in dieser Art und Weise sicherlich eng an die Zustände in der ehemaligen DDR gekoppelt sind ( die Kolbe berufen und prägnant zu schildern versteht), die aber weit über ein konkretes Lebenssystem hinausreichen.

 

 

Eine flüssige, emotional sperrige, durchaus aber zu empfehlende Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2014