Steidl 2011
Steidl 2011

Véronique Bizot – Meine Krönung

 

Erinnerungslücken

 

„Ich werde mich an den Gedanken gewöhnen müssen, auszugehen. Die Leute, die neulich hier waren, haben darauf bestanden, nachdem sie feststellten, dass ich mich noch auf den Beinen halte“.

 

Diese Störung des alltäglichen Einerleis und des Versunkenseins in die Gesellschaft freifließender Gedanken ist Gilbert Kaplan, 89 Jahre alt, ehemals forschender Wissenschaftler, gar nicht recht.

 

Einer, der sich gerade noch erinnern kann, dass er öfter am Meer war, als er noch Auto fuhr. Warum genau aber weiß er nicht mehr, „vermutlich, um Schiffe zu sehen“. Ihn soll das Leben nun doch noch einmal einholen. Ihn, der das Leben, auch sein Leben, nicht sonderlich mochte.

 

Und nun soll er geehrt werden. Irgendetwas weltbewegendes muss er damals forschend gefunden haben, etwas, das vielen Menschen geholfen hat, viele gerettet hat. Doch erinnern an diese wissenschaftliche Großtat kann er sich nicht. Angestoßen aber durch „diese Leute“, die bei ihm waren, ihn zu einem Empfang mit Preisverleihung gebeten haben, fangen seine Erinnerungen an zu fließen. An eine umkämpfte Liebe. An seine Frau, die irgendwann Selbstmord begann. An seine Schwestern Louise und Alice.

In gleicher Weise sucht er innerlich nach Strategien, um dieser Störung seines alltäglich dahinplätschernden Lebens in der Rue Saint-Lazare in Paris. Vielleicht könnte er ja einfach vorher sterben? Aber sterben ist gar nicht so einfach, auch das stellt er fest.

 

Vorbei zumindest ist es mit dem ruhigen Fluss der Tage abseits von der vor den Fenstern dahin fließenden Welt. Und was das anrichtet, wenn die Welt noch einmal einbricht in ein eigentlich äußerlich schon abgeschlossenes Leben, wenn die alten Zahnräder im Kopf noch einmal knirschend zum Leben erwachen und sich dabei an viel unliebsames auch erinnern, das ist das Thema dieses kleinen, aber feinen Buches von Véronique Bizot.

 

Da, wo andere sich freuen würden über eine späte Ehrung, da will jener Gilbert Kaplan nur entweichen. Doch außer seiner Wohnung gibt es ja keinen Ort und auch das innere Entweichen wird erschwert durch das wieder ins Bewusstsein tretende, gelebte Leben.

 

Gut, dass seine Haushälterin, Madame Ambrunaz (seine kongeniale Ergänzung im Buch, jene Figur, die das Leben ganz praktisch angeht und für die ein Teller Linsen die meisten aller anstehenden Probleme zumindest erträglicher macht, wenn nicht gar löst) auf seiner Seite steht und alle Räder in Bewegung setzt, „ihren“ alten Forscher vor der Welt zu schützen. Und vor seinem eigenen dahin driften. Sogar eine Reise organisiert sie noch, ein großes Unterfangen nach Jahren in der Wohnung.

 

Ein wunderschön geschriebenes Buch über das Verlorene und das Wiedergefundene im Leben, ein Buch mit zwei großen Überraschungen zum Ende (was Madame Ambrunaz als letzten Dienst erweist und wie Kaplan zu guter Letzt mit der Preisverleihung Umgang pflegt).

Indem Véronique Bizot die gesamte Geschichte nur im Kopf ihrer Hauptfigur sich abspielen lässt und zudem all ihre Beschreibungen beständig knapp und kurz hält (und damit die stark eingerosteten Gedankengänge des Forschers auch sprachlich wunderbar zum Ausdruck bringt), erzeugt das Buch eine ganz eigene Atmosphäre zwischen Verlust, Lebensunlust und Erinnerung und Wiederentdecken, die durchzogen ist von einem feinen Humor. Dieser findet sich immer und immer wieder vor allem im Umgang der burschikosen Haushälterin mit dem knorrigen Wissenschaftler.

 

Das Buch ist sprachlich, stilistisches und im gewählten Thema der Spannung zwischen Lebenslust, ja, Lebensfeindlichkeit und wieder in Gang kommenden Lebens eine echter Lesegenuss.

 

M.Lehmann-Pape 2011