dtv 2014
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Valentina D´Urbano – Mit zwanzig hat man kein Kleid für eine Beerdigung

 

Melancholisch, niederdrückend, spröde

 

Sehnsucht, ja, die gibt es im Leben von Beatrice. Tief verborgen, denn die Realität treibt Träume schnell aus. Dort, wo sie lebt. Eine Sehnsucht, für die Beatrices Vater das Meer als Symbol entdeckt hat. Da will man hinfahren. Die Weite sehen, den Wind spüren, die Freiheit atmen. Aber immer erst „Morgen“ natürlich, nie heute, nie geschieht diese Fahrt.

 

Das Leben für Beatrice ist, dieses Bild bietet Valentina D´Urbano dem Leser an, „wie ein See“. Aber nicht mit klarem Wasser, sondern:

„Das Wasser ist still und klar. Aber wenn man einen Stein hineinwirft, sieht man, wie es sich vermischt, wie Schlamm aufgewirbelt und es trübe wird“.

 

Dieser Schalmm ist immer da gewesen, war nur nicht immer im Blick, bis man eben entschieden hat, ihn an die Oberfläche zu befördern, nur um ihn bald wieder vergessen zu können, denn jeden Tag diesen Schlamm zu sehen, das übersteigt die Kräfte. Schlimm genug, dass er immer vorhanden ist.

 

In diesem Leben am Rande. Das zudem noch belastet, tief getroffen wird vom frühen Tod des Geliebten, des Mannes, der kongenialen Seele an Beatrices Seite. Jener Alfredo, der als Kind Gewalt en Masse erlebte, der seinen ganz persönlichen Ausweg sich suchte und von diesem den Rückweg nicht mehr gefunden hat.

 

Ein Leben am Rande, mit Härten, auch im Umgang miteinander, selbst da, wo es um Liebe geht, um innere Verbindungen. Sanft kann da kaum jemand in diesem Elendsviertel, wo nur wenige es verstehen, ihre eigene Würde einigermaßen beieinander zu halten.

 

Und doch ist da, zumindest in Beatrice, dieser nicht auszulöschende Funke, dass da mehr sein muss. Dass es anderes geben muss. Dass die Sehnsucht nach einem echten, sicheren, gelebten Leben nicht irgendeine Illusion nur ist, sondern mögliche Realität. Nur wo und wie?

 

In klarer, einfacher, dennoch nicht immer leicht zugänglicher Sprache und harten Bildern führt D´Urbano den Leser mitten hinein in diese „Welt am Rande“, in die auch emotionale Sprachlosigkeit dieser „Elendsfestung“, in der dann Gewalt spricht, das Störende, und sei es das eigene Kind, mundtot gemacht werden soll.

 

Eine emotionale Achterbahnfahrt, die das gesamte Elend, die wenigen, berührenden Momente der Annäherung in diesem ganzen Strudel aus Verlust, Haltlosigkeit und Hoffnung spürbar und erlebbar in den Raum des Buches setzen. In einem Stil und einer Sprache, die in ihrer Härte, in ihrem direkten, schnörkellosen Ausdruck in diesem „gelblichen Staub“ ganz dem Rahmen des inneren und äußeren Lebensgefüges dort entspricht.

 

Eine Form, an die man sich als Leser erst gewöhnen und einlesen muss und die Gedanken an „erfolg“, an „schönen und überraschenden Wendungen“ doch im Lauf der Lektüre dann auch fahren zu lassen lernt.

 

 

Das ist nicht immer einfach zu lesen und hier und da ein wenig zu abgehackt auch, aber dennoch ein Buch, dass den Leser berührt und mit einem „wahren Leben“ konfrontiert, dass an vielen Orten einfach die Realität ist. Eine Art des Lebens, für das D´Urbano ein tiefes, inneres Verstehen vermittelt.

 

M.Lehmann-Pape 2014