Goldmann 2011
Goldmann 2011

Veronika Peters – Das Meer in Gold und Grau

 

Kraft zum neuen Leben

 

Obwohl in der Person von Katia Werner eine junge Frau als Protagonistin die Geschichte trägt, ist das neue Buch von Veronika Peters kein einfacher oder typischer „Frauenroman“. Über die Person der Katia hinaus transportiert die Autorin poetisch, in hervorragender Sprache und emotionaler Intensität jene Grundfrage, die das Leben durchaus an verschiedenen Zeitpunkten wohl jedem stellt. Wie wäre das, ginge das, sich fast „neu“ zu erfinden, dem Leben eine ganz andere Richtung, eine neue innere Dynamik zu geben?

 

Dieser Frage und den damit einhergehenden Emotionen entspricht auch der klug gewählte Titel des Buches. Mal golden verheißungsvoll, mal grau ernüchternd und deprimierend zeigt sich das Meer, jenes Symbol der Sehnsucht des Menschen nach Weite und neuen Ufern.

 

Ein Aufbruch, den Katia Werner im Buch nicht freiwillig auf sich nimmt. Nach dem ersten gelebten Angang ins Leben (30 wird sie demnächst), steht sie vor einem Scherbenhaufen. Job Weg, Wohnung gekündigt, an ihrem angestammten Ort ist kein Platz mehr für sie, scheint es. Aber da gibt es ja noch die (noch unbekannte) Tante. Chefin des „Hotel Palau“ an der Ostsee. Die bisher „nur eine Geschichte aus dem Mund meines angetrunkenen Vaters gewesen war“. Aber in dieser Notlage nun macht sich Katia auf zum Hotel „Palau“ für eine kurze „Auszeit“  und trifft auf ihre 73jährige Tante.

Eine, die „eine Spur hinterlassen hat, von der ich gerne einen Gipsabdruck hätte“. Aus der geplanten „Wochenendauszeit“ Katias werden Wochen und Monate. Eine Zeit, in der Veronika Peters langsam, aber stetig ihre Protagonistin sich entwickeln lässt, an Rückschlägen reifen lässt, aus einem unsicheren und innerlich gebeutelten Menschen Kraft erwachsen lässt. Und wie immer auch im wirklichen Leben: Nur mit Reden und Grübeln tut es das nicht, es braucht auch den Mut, sich dem Leben zu stellen und wirkliche Erfahrungen zu machen (auch wenn diese Enttäuschungen hier und da bereit halten werden).

 

Eine Zeit für Katia beginnt, die nicht einfach für die junge Frau ist. Anders lebt es sich in diesem ruhigen Ort, anders regelt die alte Tante ihr Leben, anders betrachtet sie das Leben, als es Katia in ihrer Leidenschaftlichkeit tun kann.

 

„Alles in einen Topf zu werfen und durcheinander zu bringen ist vielleicht das Vorrecht der Jugend“, sagt die Tante, „aber glaub mir: So erhält mein kein Menü und niemand wird satt“.

Ein langer Weg für Katia, bis Erkenntnisse in ihr reifen und sie lernt, ihr eigenes Leben durch die Lebensart und bodenständige Weisheit der Tante mit anderen Augen zu betrachten. Ein Weg, der durch Tod, Trauer und Feuer führt, an dessen Ende aber „mehr bleiben wird als ein Haufen Erinnerungen, viel mehr als Zorn und Traurigkeit“.

 

Denn ja, man kann durchaus neu anfangen. Aber dies bedeutet auch, innerlich sich zu bewegen. Erst knirschend, dann durchaus aber auch mit Erfolg. Das gilt übrigens nicht nur für Menschen um die 30, auch wenn viele Anfragen, Haltungen und Weltsichten im Buch eher dieser Altersgruppe zugerechnet werden.

 

Eine wunderschönes, poetisch-leicht erzählte Geschichte, die es an emotionaler Tiefe nicht missen lässt und mit sorgfältig gezeichneten Figuren es dem Leser leicht macht, in die Welt des Hotel „Palau“ und die Entwicklung der Protagonisten mit einzutauchen. Am Meer.

 

Michael Lehmann-Pape 2011