Goldmann 2012
Goldmann 2012

Virginia Ironside – Nein! Ich möchte keine Kaffeefahrt

 

Einsichten und Ansichten mit 65

 

Seit einigen Jahren schon lässt die Autorin Virginia Ironside mittels ihres Alter Ego „Marie Sharp“ den Leser teilhaben an den Ansichten, Einsichten, an den Vorhaben und den Befindlichkeiten der modernen Frau im vorgerückten Alter.

 

Weder „Seniorenteller“ noch „Seniorentreff“ lagen oder liegen auf dem gedachten “Erlebnisweg“ der lebensoffenen 65jährigen, wie in den Vorgängerbüchern bereits deutlich betont wurde. Da wundert es nicht, dass gerade die bei betagten Senioren doch beliebten „Kaffeefahrten“ nun ebenso in keiner Weise Attraktivität für Marie Sharpe in sich tragen. Wobei dies natürlich kein Buch über eine Kaffeefahrt ist, sondern, wie auch in den anderen Büchern der Autorin, dieser prägnante Begriff nur als Aufhänger für vielfache Betrachtungen von Vorurteilen gegen älter Menschen und von den eigenen Vorhaben und Ansichten dient.

 

Sei es im Blick auf einen geplanten Hotelbau und den damit einhergehenden Beratungen mit Pfarrer Emmanuel und der ein oder anderen, schrulligen und „leicht riechenden“ Mitstreiterin. Sei es bei Besuchen zwecks Orientierung in Pflegeheimen (nein, nein, nicht für Marie Sharpe gedacht, sondern für Archie, die ehemals wiederentdeckte „große Liebe“, der langsam der Demenz anheim fällt), wobei man auf die „beängstigende, noble und bombastische“ Residenz Abendrot trifft, deren „verstörendes Ambiente“ Ironside in ihrer legeren Sprache durchaus ansehnlich beschreibt. Sei es aber auch das geplante Facelift, mit dem Marie einen neuen Abschnitt ihres Weges angeht und umgehend sich in die Vorbereitungen zu einer Reise stürzt. „Ich hoffe, sie verweigern mir nicht die Einreise, weil ich zu jung aussehe“ (in Bezug auf das Passfoto im Ausweis).

 

Umgeben von Bekannten, Freunden und Familie lässt Virginia Ironside den Leser teilhaben an der Welt und der Weltsicht der Marie Sharpe, die zunächst dem Leser höchst verkatert nach einer Sylvesternacht begegnet (und damit bereits die Richtung vorgibt, in die Marie Sharpe sich mit ihren 65 Jahren bewegt). Was aus dem Schwur wird, nie wieder Alkohol anzurühren, das wird der Leser ebenso im Verlauf des Buches entdecken, wie die Umsetzung von Plänen, wieder zu Malen, vor allem aber etwas gegen die Beschwerden des Alters und die Steifheit der Glieder zu tun.

 

„Munter und euphorisch“, so kennzeichnet Sharpe im Buch zunächst ihre Befindlichkeit und nimmt mit hinein in die vielen Kleinigkeiten und Wichtigkeiten des Lebens in ihrem Alter mitsamt zunehmender „Verschrobenheit“.

„Ich wusste gar nicht, was für eine interessante Person ich bin, bevor ich anfing, mit mir zu reden“.

 

Auch wenn im Ton Ironside weiterhin gut lesbar und locker schreibt, den ernsten Themen wie der Demenz oder der zunehmenden Hinfälligkeit im Umfeld nicht aus dem Weg geht und ebenso für sich selbst eigene und andere Wege durchaus geht, das Buch leidet doch etwas daran, dass Stil, Inhalte und Richtung weniger wie eine Fortsetzung, denn wie ein „Aufguss“ der vorhergehenden Bücher wirken. Es scheint, als sei das Thema „Alt werden anders“ oder „Die moderne 65jährige“ doch ein wenig ausgereizt.

 

Alles in allem dennoch gut zu lesen, frisch (wie die anderen Bücher der Reihe) wendet sich Ironside noch einmal dem „alten“ Thema unterhaltsam zu, ohne dringenden Bedarf nach einer weiteren Fortsetzung zu wecken.

 

M.Lehmann-Pape 2012