S.Fischer 2011
S.Fischer 2011

Wells Tower – Alles zerstört, alles verbrannt

 

Das große Leben in den kleinen Geschichten

 

Manchmal sind es einfach Banalitäten, die Wells Tower erzählt, hinter denen die großen, menschlichen Themen hervorscheinen. So wie bei den Brüdern George und Stephen. Was es zu erzählen gibt, gerade aus den prägenden Kindertagen der beiden, sind doch eher kleine Streiche mit dennoch großer Wirkung. Die Befremdlichkeit, die Distanz, die immer schon im Raume war, scheint dort durch und begleitet Jahrzehnte hindurch prägend das Verhältnis. Soweit, dass der Leser mit Spannung verfolgt, ob eine ernsthafte Warnung von einem Bruder zum anderen zum Ende der Geschichte angenommen werden kann oder prinzipiell abgelehnt werden muss.

 

Deutlich weniger banal muss sich der verlassene Ehemann damit arrangieren, dass seine Frau samt seiner Tochter ihn wegen eines, in seinen Augen nicht sonderlich gehaltvollen, Mannes verlässt.

„Ich zerschlug ein paar Sachen. Ich drohte mit mehr und schlimmerer Gewalt, und Jane verließ mich mit Barry und Marie.“ Lapidare Sätze, die dennoch das Gefühlschaos ahnen lassen, dass im Innerer brodelt.

 

In klarer, direkter Sprache, in umgangssprachlichen Formulierungen, mit einem sehr genauen Blick auf den Kern des Inneren versteht es Wells Tower in den 10 Kurzgeschichten seines Debüts, Menschen in den Blick zu nehmen. Nichts Besonderes, Herausragendes findet sich an den Hauptpersonen seiner Geschichten und dennoch zeugen sie von den Brüchen des Lebens, den inneren Kämpfen, die nicht immer gewonnen werden können. Zeigt auf, wie sich das „wilde“ der Emotionen gegen die tünche der Vernunft Bahn bricht. Deutlich zu sehen an jenem verlassenen Ehemann, der mit dem neuen Geliebten seiner Frau, Barry Kramer und seiner eigenen Tochter, die nun bei diesem lebt, sich zu einer Gefälligkeitsfahrt breit schlagen lässt, die keinen guten Ausgang für ihn nehmen wird.

 

Es geht nicht um harmonische Lebensläufe, nicht um gelungene Aussöhnungen oder Lieben mit Happy End, es geht um das „aus der Bahn geratene“ im kleinen, alltäglichen Leben, um die innere Wucht, mit der verletzte Emotionen sich Bahn brechen. Emotionen, die letztlich ihr recht fordern und eben nicht „alle zerstört und verbrannt werden können“.

 

Präzise und klar öffnet Wells Towers die Außenschale seiner Protagonisten und bringt das innere Dilemma zum Vorschein, zeigt auf, wie alle Versuche, Haltung zu bewahren, zu „tun als ob“ oder die Verletzungen einfach zu ignorieren zielstrebig scheitern.

 

Ein höchst gelungenes Werk voller emotionaler Kraft, welches Wells Towers in seinen Geschichten vorlegt und allemal des Lesens wert.

 

M.Lehmann-Pape 2011

Wells Tower

 

1973 in Vancouver geboren Seine Erzählungen wurden unter anderem in ›The New Yorker‹ und ›The Paris Review‹ veröffentlicht und mehrfach ausgezeichnet. In den USA wird Tower bereits als einer der besten Nachwuchsautoren der amerikanischen Literatur gefeiert. Seit 2010 steht er auf der renommierten Liste der »20 besten Schriftsteller unter 40« des ›New Yorker‹. (Quelle: Fischer Verlage)