Bloomsbury 2012
Bloomsbury 2012

Werner Heickmann – Die Vogelinsel

 

Sehnsucht nach Freiheit, nicht nur für Kinder

 

„Er sagte, dass er Vögel liebe, weil sie frei seien. Frei zu fliegen, wann und wohin sie wollen“.

 

Frei wie ein Vogel zu fliegen, ungebunden, das ist ein Traum. Nicht im wörtlichen Sinne, aber innerlich frei, das durchaus. Auch wenn es Schmerzen kostet, mit Verlusten einhergeht, auch wenn andere in Mitleidenschaft gezogen werden. Vor allem zwei Söhne.

 

In bildreicher, poetischer Sprache, in denen Heckmann immer wieder, vor allem  freiheitsliebende Falken, in seine Bildsprache einbaut, erzählt er von Sehnsucht, Suche und Freiheit. Wobei zwei abwesende Väter jene Personen sind, die ihrer Freiheit nachgingen und nun nicht mehr greifbar sind, nicht mehr da. Und von zwei Söhnen jener Väter, deren Schmerz sich in eine nicht greifbare Sehnsucht verwandelt.

 

Der eine Vater hat eine neue Beziehung, hat die Seinen sitzen lassen und eigentlich darf man über ihn gar nicht mehr reden. Meint Paul, sein Sohn, der heimlich weint.

Auf dem obersten Dachboden der Kirche.

„Weil er nicht mehr da ist und ich will ihn vergessen“.

 

Auch der andere lag immer wieder im Streit mit seiner Frau und ist einfach weg. Von jetzt auf gleich. Und das, wo Hinnerk, sein Sohn,  ihn braucht. „Ich konnte ihn alles fragen, nicht nur über Falken wusste er Bescheid“. Doch da kommt eine Postkarte. Ohne Absender. Könnte es sein, dass das Motiv der Karte jene Vogelinsel zeigt, die ein Stück flussabwärts liegen soll, von der Hinnerks Vater immer erzählt hat.

 

Hinnerk und Paul freunden sich an. Langsam. Und ebenso langsam reift der Plan, die Insel zu suchen. In den Ferien. Mit einem Boot. Und dann fahren beide los. Auf eine Reise über den Fluss zu sich selbst und zu ihren Vätern, auf der durchaus Erlebnisse warten, Gefahren drohen (schnell wird der erste Stein im Fluss gerammt). Und werden fündig werden, aber ganz anders, als sie es vorher dachten. Eines aber ist von Beginn an klar bis zur letzten Seite. Väter sind wichtig. Auch wenn es schmerzt.

 

Ein Buch in einfacher, klarer Sprache für Kinder und junge Jugendliche, das zum einen ist Heickmanns „Vogelinsel“, aber auch eine Erzählung von innere Befreiung durch den Mut zum Aufbruch, der für alle Lebensalter wichtig ist. Einfühlsam erzählt er seine Geschichte ohne moralische Verbrämung, ohne Schuldzuweisung. Es sind nicht die bösen Väter, die egozentrisch ihrer Wege gehen, es sind nicht die Mütter, die Schuld tragen, das Leben selbst fließt seine Bahn und will bewältigt werden, in jedem Alter. Heickmann gelingt es, ein Verständnis für das Gehen eigener Wege zu entfalten, das durchaus wichtig ist zur Verarbeitung von Trennungen.

„Sich auswildern“, so nennt das Paul im Buch, auf eigene Beine kommen und auch mit Verlusten leben lernen.

 

Gerade diese hintergründige Bildsprache und zudem das eher abstrakte Ende des Buches fordern doch einiges an Verständnis heraus, was hier und da gerade junge Jugendliche auch ein wenig überfordern könnte. Im Gesamten aber bildet „Die Vogelinsel eine Lektüre mit sprachlicher Qualität, die das wichtige Thema von (abwesenden) Vätern und Söhnen behutsam und nicht wertend aufnimmt.

 

M.Lehmann-Pape 2012