Carl Hanser Verlag 2011
Carl Hanser Verlag 2011

Wilhelm Genazino – Abschaffel

 

Unermessliche Alltagszeit

 

Das, worum es im Kern der, in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts in Frankfurt angesiedelten, Romantrilogie von Wilhelm Genazino geht, jene besondere Darstellung der „Dimensionen des Alltages“ (Angelika Reitzer auf readme.cc), findet sich auf einer der ersten Seiten, die den Leser bereits unvermittelt mitten in das innere Geschehen des Herrn Abschaffel, der Hauptfigur der Trilogie, entführen und von der ersten Seite an, dicht gedruckt, wie atemlos, in einem unermesslichen Strom der Wörter aus dieser Mitte kaum mehr entlassen.

 

„Denn er wusste nicht, dass Alleinsein darin besteht, dass der Alleinstehende alles Geschehen auf sich bezieht. Da nichts mit ihm zu tun hat, glaubt er, alles müsste etwas mit ihm zu tun haben; er ist ununterbrochen damit beschäftigt, Verbindungen zu toten Sachen herzustellen“.

 

Der Büroangestellte Abschaffel hat nicht viel an äußerem Erleben in seiner Welt. Er pendelt zwischen Wohnung und Büro und ständig fließt der Fluss seiner Gedanken. Beobachtend, Bewertzend, immer auf sich beziehend. Und häufig durchaus abwertend und bösartig.

 

Da, wo der Kollege einen eher harmlosen Scherz macht und Abschaffel umgehend wenige Minuten später dessen Ehefrau verführt, eine Affäre des Kollegen andeutet, um noch leichteren Zugang bei der an sich bereits frustrierten Frau zu finden. Selbst aber während des kurzen Liebesaktes mäandern seine Gedanke hinfort und empfinden die Tagesdecke und die Waschmaschine als durchaus genauso einer Betrachtung wert, wie den nackten Körper der Frau.

 

Abschaffel hat eben „nur seinen Kopf. Und es war nicht ungewöhnlich, dass in seinem Kopf nun der Einfall auftauchte, nicht mehr hier sein zu wollen“, wie es an anderer Stelle im Buch heisst. So tritt beständig eine Flut von Fantasien, ungerichtet, ohne Ziel, in sein Leben. Jedem Impuls nachgebend, innerlich, jeder Idee folgend, einer, der in sich völlig zerfließt und bald keine Konturen mehr erkennen lässt. Fantasien und Ideen, die beständig durch die ihm ebenso nichtssagende Außenwelt angeregt werden. Nicht umsonst wird die Geschichte des Mannes Abschaffel, erst dann einen anderen Verlauf nehmen können, nachdem er äußerlich ruhig gestellt ist. Wie er bereits zu Anfang des Buches der Fantasie anhängt, seine Wohnung wäre ein Krankenzimmer, wird sich dies zum Ende des Buches hin Realität brechen. Während einer Kur, äußerlich zur Ruhe gezwungen, eröffnen sich auch innerlich Andeutungen anderer Lebensmöglichkeiten.

 

Genazio gelingt es, unglaublich redegewandt und in einem faszinierenden, ständigen Fluss der Wörter des Leser tief in die Fantasiewelt, die Gedanken, die vorhandene Leere seines Protagonisten mit hineinzuziehen. Die Aufbruchstimmung der 60er Jahre ist vorbei, die Welt dreht sich weiter und folgt weiterhin geordneten Bahnen, die großen Träume erst einmal auf Eis gelegt. Eine ideologische und gedankliche Leere, die durchaus heute ebenso noch bekannt ist an vielen Orten, ebenso zu beobachten ist im Alltag, in der Politik, in der öffentlichen Diskussion und der Genazio mit seinem Abschaffel einen Namen, eine Person, ein Innenleben verleiht.

 

Das durchaus modern zu nennende, mehr und mehr in den Raum tretende, „insuläre“ Leben, das „Alleinsein“ und daher „alles auf sich beziehen“, schrankenlos sich in Teilen auch surrealen Fantasien hingebend und dabei als Person so gut wie zu zerfließen, wenige Bücher haben diesen Zustand so sprachgewandt und ausführlich darzustellen verstanden, wie „Abschaffel“. Ein intensives Portrait rein Impulsgesteuerten Lebens und sozialer Isolation.

 

M.Lehmann.Pape 2011

Wilhelm Genazino

 

1943 in Mannheim geboren, lebt in Frankfurt. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Georg-Büchner-Preis und dem Kleist-Preis.