Berlinverlag 2016
Berlinverlag 2016

William Boyd – Die Fotografin

 

Meisterhafter fiktiver biographischer Roman

 

Einfach erstaunlich ist es, wie Boyd aus einem Zufallsfund, einem alten Foto mit dem Motiv einer jungen Frau im Badeanzug in einem Gewässer stehend, auf gut 550 Seiten eine ganze Lebensgeschichte, eine Welt der Entwicklung, der Gefühle, entstehen lässt.

Und zudem eine Zeitgeschichte vom Ende des 19. Jahrhunderts hindurch bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts.

Durch die „wilden 20er“, vor allem durch die Zeit der beginnenden 30er Jahre in Berlin, in Deutschland, aber auch durch die Nachkriegsjahre und die kriegerischen Auseinandersetzungen jener Zeit.

 

Mit all den britischen Konventionen, die zu nächst noch galten, mit den Eigenarten der Charaktere (vor allem Amory Clays Vater). Mit einem guten Teil der Geschichte der Fotografie (vielfach benennt Boyd Kameras, wobei er, zum Glück, vermeidet zu sehr in seitenlange technische Details einzutauchen), vor allem aber mit der außerordentlichen Geschichte einer jungen Frau, die in der damaligen Zeit ihren Weg geht. Abenteuerlustig, weltoffen, international, weit entfernt von jenen „sesshaften“ Fotografen jener Tage.

 

„Klick, ich machte mein Foto“.

 

Ein einfacher Satz, der Programm ist. Wobei Boyd diese Fotografien zu einem Teil der Geschichte macht, den Roman damit illustriert und somit auch „Biographien“ zu vielfachen Fotografien erzählt, die wunderbar altertümlich ihren Platz in dieser Geschichte von Freiheit und Lebenslust und, später, tiefer, gelassener Weisheit finden.

 

Dabei standen jener Amory klassische, konventionelle Wege durchaus weit offen. Angefangen damit, dass die Leiterin ihres Internats sie zu fördern gedenkt, nach Oxford bringen möchte. Eine Ehre zur damaligen Zeit gerade für Frauen und eine Garantie für Aufmerksamkeit und eine gewisse Form der Karriere, die Amory lakonisch, ruhig und selbstbewusst ausschlägt.

 

Ebenso, wie es möglich gewesen wäre, eine „Gesellschaftsfotografin“ zu werden. Doch schon früh im Roman lässt Boyd seine Amory auf einen solchen Treffen und deutlich mitschwingen, wie verächtlich dieser selbst über die reine Abbildung der Feierlichkeiten der vermeintlich „besseren Gesellschaft“ denkt und redet.

 

Das 320. Jahrhundert, gerade in den ersten 25 Jahren, war eine Zeit des Aufbruchs. Der Überwindung von Konventionen, der vermeintlichen Freiheit, der Künste, der Clubs, des Kabaretts, der modernen Musik, der Ausgelassenheit, aber auch der Not, der Bedrängung, der politischen Extreme, in der, zunächst, die Freiheit sich am Ende erst einmal nicht durchsetzen konnte.

 

Eine Entwicklung, die Boyd anhand von Amory minutiös vor Augen führt und dabei eine immer größere „Offenheit des Herzens“ aus den vielfachen Erfahrungen heraus entfaltet.

 

„Wie lange man auch auf diesem kleinen Planeten verweilen mag, was immer einem dabei widerfahren mag, das Wichtigste ist, dass man dann und wann empfänglich ist für die Liebkosung des Lebens“.

 

In der Form geht lässt Boyd seine Protagonistin ihren Weg, ihr Leben von hinten heraus (dem Ende der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts“ in Form eines tagebuchartigen Berichtes erzählen. Ruhig, sachlich, nicht emotional in romantischen Gefühlen schwelgend, nicht verklärt an eine „bessere“ Vergangenheit gerichtet, sondern mit einer gewissen inneren Distanz, einem trockenen Humor und fast teilweise neutral-sachlichen Augen, die auf diese Jahre und diese Welt zurückblicken.

 

 

Sprachlich und in der entfalteten Geschichte eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2016