Berlinverlag 2012
Berlinverlag 2012

William Boyd – Eine große Zeit

 

Psychoanalyse, Spionage und Zeitenwende

 

Ob die Zeit um 1913 herum, zusteuernd auf den ersten Weltkrieg, tatsächlich eine „große“ Zeit war, das liegt sicherlich im Auge des Betrachters. Gekennzeichnet vor allem waren diese Jahre durch eine Verhaftung der Menschen einerseits in alten Traditionen, in Ehre, klaren gesellschaftlichen Trennungen, schmucken Uniformen und einem geprägten Lebensstil, andererseits aber auch durch den Gang in die Moderne, technische Errungenschaften, die Entwicklung der „Innenschau“ des Menschen, durch vielfältige Politik und, vor allem, durch eine gesellschaftliche „Explosion“ der Kunst. Galerien, Schriftsteller, Salons, vielfach nahm das gesellschaftliche Leben Fahrt auf und Wien um 1913 herum war ein Kulminationspunkt all dieser Entwicklungen, auch politisch in der Vielfalt der Interessensgruppen.

 

Eine Atmosphäre, die William Boyd sprachlich ganz hervorragend in seinem neuen Roman in Szene setzt. Einerseits in langsamer Erzählweise, gründlich die Orte, die Personen, die Beziehungen schildernd, andererseits ebenso bildkräftig die „neue Welt“ der sich öffnenden Lebensformen in den Blick setzend.

 

Lysander Rief ist nach Wien gekommen, um sich „kurieren“ zu lassen von einem sexuellen Problem. Er, der eher unverhofft einer Kollegin (er selbst ist Schauspieler) einen Heiratsantrag gemacht hat, sich verlobt hat, will (und muss) dieses in Ordnung bringen, um seinen Weg mit dieser Frau weiter gehen zu können. Hoffnungsvoll wendet er sich an die noch junge Psychoanalyse, öffnet sich aber auch dem kulturellen Schmelztiegel Wien, wird dort fast „hineingesogen“ durch die attraktive Hettie Bull. Die durchaus mehr an ihm zu bewirken vermag, als der „Parallelismus“ seines Therapeuten.

 

Aber auch so manche seiner anderen neuen Bekanntschaften werden durchaus sein Leben verändern. Vor allem der Botschaftsangestellte Munro wird noch eine wichtige Rolle in Lysanders naher Zukunft spielen. Denn der junge Engländer sieht sich unversehens einer Vergewaltigungsklage ausgesetzt, bei der ihm ebenjener Munro hilfreich zur Seite steht. Was seinen Preis haben wird, denn ein einfacher Angestellter der Botschaft ist  Munro nicht. Er wirbt Lysander als Spion an. Womit das Buch deutlich an Fahrt aufnimmt und Boyd seinen Protagonisten mitten hinein steuert in die Strategien, Intrigen und politischen Ränkespiele des aufbrechenden Europas. Und mitten hinein in eine Geschichte des Verrats und der Gegenspionage. In einer Zeit, die lebt und bebt, einer Zeit im Aufbruch, welche durch William Boyd detailliert und ganz hervorragend beschrieben wieder lebendig wird.

 

„Diese Pension ist genau wie Wien. An der Oberfläche befindet sich die Welt der Frau K. So angenehm und erfreulich, alle lächeln höflich, niemand furzt oder popelt in der Nase. Aber darunter fließt ein dunkler, reißender Strom.....Der Strom der Lust“.

 

Das Erzähltempo Boyds gerade zu Anfang des Romans ist allerdings durchaus auch eine Frage des Geschmacks. Sehr langsam, sehr ruhig, sehr gründlich führt Boyd ein in diese vergangene Zeit und Welt. Eine Langsamkeit, die hier und da durchaus beim Leser auch in Langeweile umzuschlagen droht und doch ein wenig Ausharrvermögen braucht.

 

Ein hervorragend geschriebenes Gesellschaftsbild der Zeit vor dem ersten Weltkrieg, in welchem Boyd die Atmosphäre jener Zeit detailgetreu einfängt und in dem er den Leser, trotz einiger Längen zu Beginn und einer allgemein teils zu ruhigen Erzählweise, mit auf eine nachhaltige und einprägsame Zeitreise durch Politik, Kunst und Wissenschaft nimmt.

 

M.Lehmann-Pape 2012