DVA 2013
DVA 2013

William Gaddis – Die Fälschung der Welt

 

Meilenstein der Literatur

 

Neu aufgelegt und in durchaus immer noch  „frischem Glanz“, so präsentiert sich das epochale Werk aus dem Jahre 1952 auch im Jahre 2013 noch inhaltlich, in der sprachlichen Form und der doppelbödigen Kritik an der Moderne und der Suche nach der „wahren Kunst“ und dem „schöpferischen Kern des Seins“.

 

Schon vordergründig bietet die Geschichte, die Gaddis in bildkräftiger, hintergründiger, teils ironischer, immer aber mitreißender Sprache, auf den gut 1220 Seiten ein intensives, verwirrendes, doppelbödiges Mit-Erleben der Wege der Protagonisten.

 

Beileibe nicht nur vordergründig geht es Gaddis um das Thema der „Fälschung“, der „Kopie“ mit dem Anspruch auf originäre Schöpfung.

Das die Hauptfigur, Wyatt Gwyon, sich als talentierter Maler entpuppt, ist das eine. Dass jener Wyatt für sich, und sei es auch aus akuter Not heraus, statt mit eigener Inspiration vorzugehen, , Fälschungen zu erstellen, hierbei aber dennoch eigentlich Originale „erfindet“ (er führt die Impulse und das Genie alter, vor allem flämischer, Meister in eigener Art fort) ist ein deutliches Spiegelbild der Haltung und des Lebensweges der Moderne.

Und zudem führt Gaddis in der Figur Wyatts auch das Spirituelle, die Ur-Sehnsucht nach Schaffenskraft und Schöpfung, mit ins Feld. Die „brennenden Haare“, die sich Wyatt an sich selbst anträumt und vorstellt können durchaus als Verweis des „über den Menschen kommenden schöpferischen Geistes“ verstanden werden.

Wobei dies alles wohlgemerkt nur einen Ausschnitt der vielfachen Wege und Figuren des Romans darstellt.

 

Diese Mischung aus eigener Leistung und doch nur Betrug, aus Gier nach dem Besitz und doch nur einer Fälschung aufsitzen, ist in dieser sprachlichen Form ein treffendes, mehrdeutiges Bild für das moderne Leben. Umso bewundernswerter ist die Weitsicht des Autors, der in einer Zeit, in der zumindest die westliche Welt geschlossen dem Fortschritt und dem Materialismus die Ehre erwies, schon die tönernen Füße dieses Lebensstiles umfassend (in zudem noch unterhaltsamer Form) Faser für Faser offenlegt und dabei zurückgreift auf die Kunst , Kultur, Literatur und die religiöse Suche der Vergangenheit.

 

Denn beileibe nicht nur um Kunstfälschungen geht es. Fälschungen aller Art ziehen sich durch die mäandernden Seiten des Romans, vom Falschgeld bis zu jeder Form des Kunst-Plagiats, immer kreisen um die alte und immer wieder neue Frage des „schönen Scheins“ statt „handfesten Seins“, in der die Personen des Buches unentwirrbar miteinander verbunden sind.

 

Bigott ist (fast) die gesamte Welt, in der sich der Roman bewegt, von Beginn an. Dem anderen einen Bären aufbinden, das Ganze am besten selber glauben, um es überzeugend zu vertreten, sich bei „anderen bedienen“, was das Zeug hält. Vom Politiker bis zum Professor, vom kleinen Ganoven bis zum großen Fälscher ist es „der große Schein“, den Gaddis vor Augen führt. Eine Gerede und ein Vorspiegeln falscher Tatsachen, die gerade in den letzten Jahren als „Grundhaltung“ eine aktuelle Brisanz gewonnen haben. Damit verbindet sich die Suche nach „dem Kern“, nach sich selbst, nach dem „ganz Eigenen“.

Was alles in allem allerdings nicht zur Übersichtlichkeit des Werkes beiträgt, sondern den Leser immer wieder in neue Aspekte der Literaturgeschichte, der religiösen Suche, der Anstrengung nach eigener Geltung führt.

 

Das der „rote Faden“ ein ums andere Mal verloren geht, der Leser selbst sich in dieser ausufernden Welt, den Finten, den Gesprächen mit doppeltem Boden, des Öfteren verliert, auch das ist Teil dieses Romans (der ertragen werden muss bei der Lektüre).

 

„Egal welche Straße sie überquerte, stets schien Finsternis den Himmel zu fluten“.

 

Ein Satz etwa aus der Mitte des Romans, der sowohl die innere Ebene als eben auch das Leseerlebnis auf den Punkt bringt.

 

„Und die Gäste drifteten vorbei, spurlos, vermeintlich ziellos, glupschäugig wie Fische unter Wasser, schnappten nach Beute, wie diese sich anbot und flitzen in Deckung bei Gefahr“.

 

So ist die Welt durch Gaddis Augen, vor denen nur wenige Haltungen und Wege Gnade finden dürften, auch im Roman. In einer Welt, in der Kunst (und damit die Kultur, das „Tiefe“) nur scheitern können, weil das Vordergründige  immer einen Schritt voraus ist und einen Tick Rücksichtsloser verfährt.

 

Ein alter, „jung“ gebliebener Roman, der in seiner Form und seiner weitschweifigen Suche nach einem „Kern“ immer noch wichtig und empfehlenswert ist.

 

M.Lehmann-Pape 2013