Klett-Cotta 2011
Klett-Cotta 2011

William Gibson – System Neustart

 

Geheime Mode für zukünftige Soldaten

 

Nur an dunklen Orten, abseits. Nur durch Mund zu Mund Propaganda. Nur heimlich.

So wird eine neue Mode verkauft, ein neues Label. Zumindest im neuen Roman vom Schöpfer des „Neuromancer“ und quasi Erfinder des „Cyberspace“, William Gibson. Der Abschlussroman einer Trilogie, die, in der Gegenwart angesiedelt, die Verehrung von Geld und den Ausdruck eigenen Seins durch den Besitz entsprechender Dinge, ins Zentrum der Erzählung rückt.

 

Kein Science-Fiction Roman, wie man es von Gibson lange Jahre, Jahrzehnte gewohnt war. Ein Gegenwartsroman mit dem zugrunde liegende Element der „Heimlichkeit der Mode“. Welcher Modeschöpfer aber wäre so verrückt, seine absolut „in“ werdende  Kreationen möglichst einer breiten Öffentlichkeit vor zu enthalten? Genau, einer, der weiß, wie man auf der Klaviatur der Web Gemeinde zu spielen hat, um einen Hype zu inszenieren.

 

Ein Sujet allerdings, das nicht sonderlich interessant wäre für die breite Öffentlichkeit, auch nicht für die Protagonisten im Buch, wenn nicht das große Geld (mal wieder) winken würde. Denn jene Kreationen an Jacken und Hosen sind genau das, was das Militär sich als neue Grundlage für die Uniform der Soldaten vorstellt. Und da winkt das große Geld. Und für das große Geld, da hat Hubertus Bigend (nomen est omen) eine Nase.

 

Mit einer Gruppe äußerst exzentrischer Menschen macht er sich auf die Suche nach den Designern hinter dem Label. Eine Suche, die (für den Leser) nicht nur leicht chaotisch beginnt und von ebenso chaotischen Figuren initiiert wird, sondern die auch im weiteren Verlauf des Buches eine ungemein verwirrende Abfolge nimmt. Hollis Henry, ehemalige Rocksängerin. Milgrim, ehemaliger Drogenabhängiger mit gängiger Erfahrung im Rahmen von „Beschaffungen“ außerhalb der Legalität. Und ein ehemaliger Basejumper ohne Beine. Das Team ist versammelt und stochert im Dunklen. Lange.

Klar, Hounds gibt’s auch bei Ebay (im Buch), aber nur chinesische (die bauen eben alles nach), Hounds gibt’s auch zu kaufen, aber nur für Insider. Hounds sind in, aber anscheinend nicht zu bekommen, vorweniger ist in Erfahrung zu bringen, wer Hounds herstellt. Und natürlich bleiben die Mitstreiter um Bigend herum nicht die einzigen, die sich verstärkt auf die Suche nach jener Kleidung machen, die scheinbar die Zukunft bedeutet. Selbst der Geheimdienst mischt letztendlich mit.

 

So schreitet, besser, taumelt der Roman voran. Und bietet Seite für Seite einen Blick auf die gegenwärtige Welt des Konsums, in der die richtige Hose deutlich wichtiger erscheint als eine wie immer geartete innere Haltung, in der die Mode das Soldatentum interessant macht und alle Gefahren nur mehr am fernen Horizont aufscheinen lassen. In diesen Beschreibungen hat das Buch seine  Stärken. Da, wo Milgrim, der aufgrund seiner Entwöhnungskuren einiges an modischen Erscheinungen verpasst hat, auf die moderne, hippe, technisierte und formorientierte Welt trifft und genauso auf dem Mond hätte  gelandet sein können. Jener Milgrim, der letztlich im Buch den Spiegel der Welt darstellt, in dem der Leser sich und auch sein Verfangensein in Labels, Touchscreens, Handys und Kaffeeläden mit Szene Faktor wiedererkennt. Eine Wertigkeit von Dingen, die ebenso absurd ist, wie letztlich die Grundidee des Buches. Es geht ja nicht um Geheimpläne für Plutoniumwaffen, um die Erfindung einer Weltneuheit, noch nicht einmal um Spionage im klassischen Sinne. Es geht nur um Jacken und Hosen. Bei klarem Nachdenken kommt man schon auf den ersten Seiten des Buches darauf, dass dies nun nicht einen solchen Aufwand wert ist. Wer aber denkt schon in realen und nüchternen Bahnen, wenn es darum geht, etwas zu besitzen, was alle haben wollen?

 

In der Form mäandert das Buch allerdings zunehmend immens aus, soweit, dass kaum noch jemand einen klaren Durchblick hat, wer nun was genau wo sucht und gegen wen er sich zur Wehr zu setzen hat.

 

Interessant im Blick auf eine Welt, süchtig nach Labels und damit nach reinen Äußerlichkeiten, mäßig im Erzählfluss und im Aufgreifen eines roten Fadens im Roman verbleibt ein zwiegespaltener Leseeindruck. Eine visionäre Kraft wie in den „Neuromancer“ Romanen zumindest ist in diesem Buch von Gibson nicht zu finden.

 

M.Lehmann-Pape 2011

William Gibson

 

wurde 1948 in South Carolina (USA) geboren. Mit 19 wanderte er nach Kanada aus, um der Einziehung zum Vietnam-Krieg zu entgehen. 1972 ließ er sich in Vancouver nieder, wo er noch heute mit seiner Frau und zwei Kindern lebt. Bekannt wurde er mit seinem 1984 erschienen Roman Neuromancer, der in diesem Jahr alle gängigen SF-Preise erhielt.

 

(Quelle: Klett-Cotta Verlag)