Droemer 2010
Droemer 2010

 

Wolf Serno – Die Medica von Bologna

 

Starke Frau im Mittelalter

 

Wolf Serno hat sich in den letzten Jahren einen Namen als kundiger und detailliert beschreibender Autor im Genre des historischen Romans gemacht, genauer im Bereich des historischen Romans in einem medizinischen Umfeld der damaligen Zeit.

 

Auch in seinem neuen Roman ist diese Rahmung gesetzt, mit dem besonderen Schwerpunkt, eine Frau als Protagonistin zu setzen und anhand dieser (fiktiven) historischen Person zum einen das spezielle Gebiet der frühen plastischen Chirurgie (fundiert recherchiert, wie immer) in den Fokus seiner Geschichte zu setzen und zum Zweiten die schwierige Rolle der (begabten und motivierten) Frau  im 16. Jahrhundert einer näheren Betrachtung zuzuführen.

 

Auf den ersten Seiten bereits führt er (in der Gegenwart des Buches) die Figur der Carla Maria Castagnolo als, mit ihren Ambitionen, an der Phalanx der Mächtigen der Zeit gescheiterten Frau ein. 16 Jahre bereits ist sie, zum öffentlichen Schweigen verurteilt, bereits aus dem Verkehr gezogen. Am Ende des Buches, nach gut 630 Seiten, deutet sich ein, zumindest was den persönlichen Bereich der Carla angeht, kleiner Lichtschimmer doch noch an. Zwischen diesen Berichten der 48jährigen Carla findet sich, als Rückblende konzipiert, die Lebensgeschichte der Protagonisten, in Ich Form erzählt.

 

Die junge Carla entdeckt ihr Talent für die Versorgung von Kranken und ihr Interesse für die Chirurgie. Spezieller, auch aufgrund einer eigenen Verunstaltung im Gesicht, rückt die damals gerade entstehende Gesichtschirurgie in ihren Blick. In Caspare Tagliacozzi findet sie Zugang zu dem damals führenden Arzt auf diesem Gebiet, verliebt sich in ihn und wird gar zu seiner Assistentin ausgewählt. Doch wirkliches Glück und Gelingen ist Carla nicht beschieden. In den entscheidenden Momenten fällt Caspare ihr regelmäßig in den Rücken, nicht nur beruflich, auch privat spielt der leichlebige Arzt ein doppeltes Spiel mit Carla, seinem „Bleiweißmädchen“. Selbst als sie den einflussreichen Priester Helvetico Dank ihrer medizinischen Kenntnisse vor dem Tod bewahrt, erlebt sie in der Folge auch durch diesen Priester umgehend keinen Dank, sondern Anklage. Immer mehr zieht sich Carla in eine heimliche Existenz zurück, doch der Arm der mächtigen Kirche in Italien ist lang.

 

Eine bunte Geschichte erzählt Wolf Serno, wie immer über sein Thema bestens informiert und mit der sprachlichen Fähigkeit, das Leben im 16. Jahrhundert überzeugend in den Raum zu rücken. Der, letztlich aussichtslose, Versuch seiner Hauptfigur, zumindest eine Form von Nische als Ärztin in der damaligen Gesellschaft zu finden vermag durchaus zu fesseln, ebenso, wie die vielen kleinen und großen Intrigen und menschlichen Enttäuschungen der Geschichte Spannung verleihen.

 

Im Gesamten erscheinen 630 Seiten als ein wenig zu lang, einiges hätte durchaus straffer erzählt werden können, ohne der Atmosphäre des Buches Abbruch zu tun. Dennoch bietet das Buch solide Unterhaltung in einer realistisch und kundig gestalteten, mittelalterlichen, Welt. Von besonderem Reiz sind die ausführlichen medizinischen Schilderungen, am Ende des Buches legt Serno gar noch eine Operationsanleitung der damaligen Zeit bebildert vor.

Ein gut zu lesender, in Teilen sehr informativer Roman mit einer passenden und realistisch entfalteten Geschichte.

 

M.Lehmann-Pape 2010