Ullstein 2013
Ullstein 2013

Yasmina Khadra – Die Landkarte der Finsternis

 

Afrika hinter den Kulissen

 

Eigentlich glaubt man über lange Zeit der Geschichte hin, dass die Vorgeschichte im Buch nicht von besonderer Bedeutung ist.

Der Selbstmord der geliebten Frau des Arztes Kurt Krausmann (aufgrund massiv enttäuschter Karrierehoffnungen nach intensiver, beruflicher Anstrengung) scheint, zunächst, nur ein Motiv dafür abzugeben, dass Krausmann überhaupt seine behagliche Villa in Frankfurt verlässt und mit seinem engsten und besten Freund (der schon seit längerem Witwer ist) auf dessen Segelyacht eine Reise nach Afrika mit antritt. Eine Reise, die ganz anders verlaufen wird, als sich die beiden das vorgestellt haben.

 

Doch die kurze Vorgeschichte entpuppt sich am Ende des Buches, nach massiven, erniedrigenden, gewaltsamen Erfahrungen im tiefsten Elend und in härtester Gewalt in Afrika als das Eigentliche, was den Leser nachdenklich zurücklässt.

 

Gut versteht es der arabischstämmige Autor Khadra, die verschiedenen, inneren Lebenshaltungen im Buch aufzuweisen und aufeinander prallen zu lassen. Hier der großbürgerliche Arzt voller Liebeskummer, dort afrikanische Entführer und Piraten, die trotz martialischer Gesten in ihren Lebensumständen so viel tiefer unter dem Reichtum Krausmanns stehen, dass sich ein Vergleich von vorneherein verbietet.

 

Hier die Frau, die alles für ihre Karriere gibt und das Leben selbst aufgibt, als sie zurückgewiesen wird. Dort Afrikaner, die nichts besitzen, für ein paar Liter Wasser anstehen, fast betteln müssen und die dennoch „nicht einen Tag ihres von Gott geschenkten Lebens“ freiwillig ungenutzt verstreichen lassen würden, vorweniger, sich selber aufgeben würden.

 

Neben der realistischen und spannenden Geschichte selber um die beiden Freunde, deren Segelyacht von Piraten gekapert und die als Geiseln für ein mögliches Lösegeld gefangen gehalten werden, ist es dieser Gegensatz, diese vermeintlich „weltbewegenden“ Probleme westlich geprägter Menschen und die tägliche Realität des „ganz unten Lebens“ in Afrika (mit großer Kraft und Lebensmut), die sich an fast jedem Ort Afrikas finden lässt.

 

Wie das funktioniert, welche persönlichen, brutalen Dramen hinter mancher Piratenbiographie stecken, wie fast irrational Diskussionen sich anfühlen im Buch, welch ausgehecktes System von Kidnappern und Zwischenhändlern eine „Entführungsindustrie“ aufgebaut haben und wie der Westen an der Entwicklung solcher „Industrien“ mitbeteiligt war, all dies liest sich im Zuge der Geschichte wie nebenbei mit und ist sprachlich wunderbar umgesetzt.

 

Leichte Schwächen zeigt das Buch nur in der nicht durchgehend hohen Qualität der Darstellung der Figuren. Während Kurt Krausmann, zwei der Entführer, ein schon länger gefangener Franzose (wunderbar, die unverbrüchliche Liebe zu Afrika, die hier aus der Peron heraus geschildert wird) und eine enge, Frankfurter Freundin (in aller möglichen subtilen Egomanie)  sehr intensiv und differenziert in den Raum treten, verbleiben andre Personen eher stereotyp und unzugänglich, wie eine Art „schmückendes Beiwerk“.

 

Der Intention des Buches, der dichten Atmosphäre von Verzweiflung, Gewalt und Resignation, fügt dies allerdings kaum einen Abbruch zu. „Die Landkarte der Finsternis“ (die im Inneren des Menschen zu finden sein wird) ist eine spannende Lektüre mit Tiefgang.

 

M.Lehmann-Pape 2013