Berlinverlag 2011
Berlinverlag 2011

Zeruya Shalev – Für den Rest des Lebens

 

Lebensveränderungen und Lebensannäherung

 

Das das Leben kaum „nach Plan“ geht. Das im Leben vielmehr die Emotionen, die tiefliegenden, meist kaum bewussten Gefühle jene Kräfte sind, die dem Leben Veränderungen, Richtungen geben, als die „Vernunft“. Emotionen, die auf inneren „Programmen“ beruhen, von Kindheit an geprägt. Dies beschreibt Zeruya Shalev präzise und genau in ihrem neuen Roman. Intensiv widmet sie sich dem, was in ihren Protagonisten vorgeht, zeigt ausführlich und sprachlich sehr genau ausgedrückt die manchmal taumelnde, oft widersprüchliche, immer aber leidenschaftliche Gefühlswelt ihrer Personen auf. Und ihre Verstrickung in die eigene Geschichte, die zugleich, natürlich, eine Familiengeschichte ist.

 

Personen, die an Scheidewegen stehen, zumindest die drei Hauptpersonen des Romans. Die Geschwister Dina und Avner stehen, beide je für sich, an diesen Scheidewegen. Dina sieht ihr bisher gewohntes Leben offenen Auges davon gehen. Die Tochter wird flügge, ihr Mann lebt seit ehedem ein stückweit zumindest in seiner eigenen Welt, zu der Dina wenig Zugang erfährt. Der bisherige Lebensinhalt trägt nicht mehr, so er je wirklich getragen hat. Ins Taumeln gerät die Frau, Mitte 40, und spürt, dass sich nun etwas ändern muss, das der Rest der Lebenszeit nicht einfach abgesessen werden kann. Aber dennoch hält sie fest an ihrem „Programm“. Versucht mit einer fast zwanghaften Idee, das Spiel eines Familienlebens noch einmal und neu in Gang zu setzen. Vielleicht nur aus Angst vor der Leere, die droht?

 

Avner, ihr Bruder, leidet weniger unter zu großer Distanz, sondern eher unter einer unguten, ungesunden, zu großen Nähe seiner Frau. Einer negativen Nähe. Beständig sieht er sich im Privaten als Objekt der Kritik, abgestoßen und dennoch nicht losgelassen, aber nicht in Liebe verbunden. Immer stärker wird in ihm die Sehnsucht nach echter Verbundenheit und so macht er sich auf die Suche nach einer, nein, nach „der Anderen“.

 

Dina und Avner sind allerdings nicht nur durch ihre nun anstehenden Umbrüche und nicht nur als Geschwister miteinander verbunden. Auch die Beziehung zur Mutter wird in dieser Phase ihres Lebens noch einmal eine wichtige Rolle einnehmen. Chemda, die Mutter, sieht dem Tod entgegen, der dritte anstehende „Umbruch“ im Buch, und lässt ihr Leben Revue passieren, gerade im Blick auf ihre beiden Kindern, denen sie sehr unterschiedlich gegenüberstand. Dem Sohn innig, der Tochter distanziert, ein Leben lang. Ein Verhältnis, welches, so wird im Lauf der Seiten eindrücklich und sprachlich intensiv von Shalev verdeutlicht, das Leben der Kinder Dina und Avner intensiver und nachhaltiger geprägt hat, als viel andere Erfahrungen.

 

Ein Leben, dass in konkreten Bezügen stattfand und stattfindet. Auch Chemda wird ihre Prägung im buch offen legen durch das Land Israel an sich und die besonderen Umstände der Lebensweise im Land.

 

Wechselnd aus den Perspektiven ihrer drei Hauptpersonen und in vielen Rückgriffen auf die Geschichte der Personen erzählt Zeruya Shalev ihre Geschichte vom Suchen, Finden und Verlieren, von Zerrissenheit und Hoffnungen, von Nähe und Distanz. Eine Geschichte, in der sich die Frage nach dem „Ist“ des Lebens und dem Wunsch nach einem anderen Leben aneinander reiben. Eine Geschichte, in der sich aber auch große Bögen schließen, in der eine Nähe zur Mutter, eine „gesündere“ und versöhnlichere Nähe beider Kinder sich langsam einzustellen scheint.

 

In ganz besonderer, teils fast mäandernder Sprache (die gewöhnungsbedürftig ist) erzählt Zeruya Shalev diese Familiengeschichte, die in erster Linie wie ein Psychogramm die Protagonisten seziert und vor den Augen des Leser all jene kleinen und großen Linien offen legt, die ein Leben prägen ohne dass dies einem immer klar und bewusst wäre. Und Shalev erzählt von der Notwendigkeit, den Bogen im Leben zu schließen, um damit Altes, Ungesundes hinter sich lassen zu können, trotz der Ungewissheit einer noch offenen Zukunft.

 

„Für den Rest des Lebens“ ist ein intensives Buch, das lang nachhallt in seiner Frage (die sich nicht nur mit Mitte 40 im Leben stellt), wie denn der „Rest des Lebens“ aussehen soll und ob es nicht (ebenfalls nicht nur mit Mitte 40) an der Zeit ist, sich mit der Vergangenheit zu versöhnen und die eigenen Lebensautomatismen im Blick auf die Zukunft zu überwinden. Sprachlich durch die Neigung zu ausufernden Sätzen allerdings im Stil gewöhnungsbedürftig.

 

M.Lehmann-Pape 2012