Berlinverlag 2015
Berlinverlag 2015

Zeruya Shalev – Schmerz

 

Bildkräftig und intensiv

 

IN einer überaus dichten Sprache, voller Bilder, Assoziationen, mit Sätzen, die beim Leser umgehend Emotionen wecken und ihn mitten hinein nehmen in diese schmerzliche Liebesgeschichte, fasziniert Shalev von Beginn an mit ihrem neuen Roman.

 

„Sie wir das Haus verlassen, sie wird zum Auto gehen, sie wird zur Schule fahren…..sie wird dableiben und kontrollieren, was im Hort passiert……und erst am Nachmittag, auf dem Rückweg, wenn sie mit vor Schmerz zusammengepressten Lippen im Auto sitzt, wird sie darüber nachdenken…….“

 

Jeder Schritt ein Schmerz. Ein Schmerz, den Iris nicht selbst verschuldet hat. Sie war vor einem Jahrzehnt in unmittelbarer Nähe eines Selbstmordanschlages und gehörte zu den Opfern. Sie hat überlebt, aber schwer verletzt mit einem harten Weg zurück wieder ins Leben versehen.

 

Gut, dass ihr Mann ihr eine Stütze war und ist. Wichtig, dass sie Verantwortung für ihre beiden Kinder trägt. Beides hat sie aufrecht gehalten und hält sie weiterhin aufrecht. Aber kann das sein, dass eine Frau in ihrer Situation eben nicht nur dankbar, nicht nur begeistert,  nicht nur hingezogen zu ihrem Mann sich fühlt? Dass da, trotz aller Hilfestellung und angewiesen sein das Innerste nicht wirklich aufgeht in der Ehe? Dass Sehnsüchte und Träume vorhanden sind, die den sicheren Rahmen sprengen würden?

 

Dass da eine leere Stelle in ihrem Inneren offen schwärt, eine verlorene Liebe, die sie bis heute nicht überwunden hat? Und die, unverhofft, vielleicht, ganz anders eine zweite Chance erhalten könnte?

 

Denn jenen Mann, der sie verlassen hat, ohne Erklärung, der sie mit wahrhaft zerbrochenem Herzen zurückgelassen hat, jenen Mann trifft sie wieder. Als einen, der nunmehr als Mediziner ihrer beider Schmerzzentren behandeln könnte, den körperlichen Schmerz als Palliativmediziner, ihren seelischen Schmerz als wieder aufflammende Liebe, zumindest aber mit einer Erklärung, einem Verstehen dessen, warum er damals einfach verschwunden ist.

 

Doch nicht nur Iris ist es, die für sich alleine sich nur um sich selbst drehen könnte. Ihr Mann, ihre beiden Kinder, der Arzt Eitan, alle diese Personen haben ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Stärken und Schwächen und Tiefen, die Shalev in dieser besonderen, intensiven Sprache auslotet. Lebensgeschichten und Verbindungen zwischen den Personen, die starke Bindungen ergeben, die ein hin- und hergerissen sein jener Iris überaus realistisch anmuten lassen und für den Leser die Frage in den Raum setzt, was das ist, dieses Leben, wie sehr das Gefühl der Liebe den Lebensrahmen beeinflussen, erweitern, beeinträchtigen darf, ohne dass die eigene Person zwischen den eigenen Gefühlen zerrieben wird und andere mit hinunter reißt.

 

Und kann man überhaupt „die Zeit zurückdrehen“, so tun, als wäre all das Leben nicht geschehen von der Jugend an? Wie weit lässt sich das gelebte Leben und der aktuelle Alltag zur Seite scheiben? Gewinnt die Leidenschaft oder siegt das Leben, wie es nun einmal geworden ist?

 

Eine intensive Erzählung, ein intensives Psychogramm des Inneren einer Frau, die leidet und liebt, eine offene Frage des Bewertens, des Resümee auch beim Leser, wo man steht, warum man da steht und ob es das ist, was die eigene Sehnsucht an Weg weist.

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre


M.Lehmann-Pape 2015