Berlinverlag 2017
Berlinverlag 2017

Zia Haider Rahmann – soweit wir wissen

 

Epische Sicht der gegenwärtigen Welt

 

Zwei gegensätzliche Lebensläufe, zwei Versuche, in der Welt dauerhaft Fuß zu fassen. Einmal in der Hochburg des Profits, einmal in Diensten der „Menschenrechte“. Und beide Anläufe, Versuche, nach einer Weile gescheitert.

 

Zwei unterschiedliche Ausgangspositionen. Der eine aus gutem Haus mit von Beginn an offenen Türen im Leben, der andere mühsam von unten nach oben sich kämpfend. Zwar umgehen in Oxford herzlich Willkommen, aber schon an der Aussprache ist die asiatische Herkunft aus der Unterschicht lange erkennbar.

 

Der eine als Banker und Ehemann gescheitert, der andere als „Kämpfer für das gute“. Im Studium beste Freunde, dann lange Jahre ohne Kontakt und nun steht der eine abgerissen beim andern vor der Tür (des entleerten Hauses in London).

 

Indem er die Geschichte seines unvermittelt neu aufgetauchten Freundes Zafar niederschreibt, nähert sich der bis dato innerlich stabile im „Establishment“ verhaftete Banker wankendem Boden.

 

Denn ist es wirklich so, dass er keine Verantwortung für die Geschäfte trägt, die er getätigt hat? Für die Wellen, die die Welt durch die Finanzkrisen, letztlich durch die Gier der Handelnden Händler, erschüttern?

 

Und ist die Welt überhaupt noch so, wie sie ihn geprägt hat, very british? Oder stellt die elitäre Erziehung, die erstklassigen Universitäten und der etwas bornierte Blick auf die Welt nichts anderes als einen gefährlichen Anachronismus dar?

 

Gerade weil Zafar an so vielfachen Orten einer unruhigen Welt vor Ort war, weil ihn die „andere Seite“ so geprägt hat und, natürlich, auch die Liebe, die er suchte, von all dem Unklaren und ständig in Bewegung sich befindendem äußeren und inneren Erleben der Gegenwart bleibt diese nicht verschont.

 

Das „Geheimnis des Unglücklich-Seins“, liegt es in den Personen, dass kein dauerhafter Boden gefunden wird, liegt es am Zustand der Welt, an den Verwerfungen durch altes Klassendenken, neue Eliten, durch eine Mobilität der Karriere, die ein Anbinden nicht wirklich ermöglicht?

 

Oder findet alles nur „im Kopf“ statt, wie Zafar letztendlich meint?

 

Interessante Fragen zwischenmenschlicher Beziehungen, die durch einerseits ein enges Denken und andererseits eine ständig weiter sich öffnende Welt, in der man sich verlieren kann wie in der theoretischen Mathematik (die im Buch eine gewichtige, allegorische Rolle spielt) geprägt ist.

 

Wobei, und das ist der Wehrmutstopfen dieses sehr gut den Kern der Persönlichkeiten auffangenden, epischen Romans, der Leser schon bereit sein muss, in aller Ruhe teils assoziativ verlaufenden, vielfachen Dialogen zu lauschen. Was nicht vereinfacht wird durch die Form der Dialoge, in denen Rahmann Anführungszeichen nicht benutzt.

 

So tauchen auch Längen auf in den teils elegischen, teils breiten Erinnerungen Zafars, in der Schilderung seines Wegs von unten über oben wieder nach unten. Ein Konzentrat von Leben, das in tiefe Tiefen vorstößt und den Leser immer wieder ganz realistisch mit den „verbogenen“ Wegen und Werten der Gegenwart konfrontiert. In der eine Stabilität des Lebens, eine klare Linie immer weniger gelebt wird, wofür Zafar exemplarisch und intensiv steht mit seinen vielfachen Lebensstationen, was seine „Karriere“ angeht.

 

 

Ein Roman mit Wucht, aber auch der Forderung nach Konzentration bei der Lektüre und mit offenen Enden, die in Teilen offenbleiben werden und offenbleiben müssen, denn alles gilt nur „soweit wir wissen“ und nicht darüber hinaus.

 

M.Lehmann-Pape 2017